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Serie „Mensch Merkel“ : Hinter die Glaswand

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel bei ihrem Papst-Besuch im Jahr 2016. Bild: imago/Independent Photo Agency

Transzeremonielle Privatheit: Wie Angela Merkel und Papst Franziskus zu Michelangelos Pietà stehen.

          2 Min.

          Nach jahrelangen Arbeiten in der vatikanischen Bibliothek und dem dortigen Geheimarchiv hatte ich geglaubt, den Vatikan zu kennen, doch durch den Abschiedsbesuch der Bundeskanzlerin bei Papst Franziskus am 7. Oktober wurde ich eines Besseren belehrt. Als Mitglied der Delegation erfuhr ich die zeremonielle Aufnahme durch die Schweizer Garde, die gleichsam rhythmische Näherung zu den Audienzräumen des Papstes, die Begleitung durch ordensbehangene Cortegiani und schließlich die etwa halbstündige Wartezeit in einem Vorraum, an dessen Wand ein El Greco und mutmaßlich ein Dürer hängen. Das Gewicht der über Jahrhunderte zusammengekommenen Ausstattung der Räume wie auch das Zeremoniell, innerhalb dessen die Zeit wie stillgestellt zu sein scheint, besitzen eine nicht zu rationalisierende Wirkung, deren Effekt man zulassen muss, um ihn begreifen zu können.

          Erstmals habe ich in dieser Dichte erfahren, was Walter Benjamin die Aura nannte: das Hier und Jetzt als Inkorporation entfernter Zeiten und Ereignisse. Umso größer die Überraschung, dass diese mit dem bestechenden Vermögen des Papstes gepaart wurde, den höfischen Apparat zwar einzusetzen, ihn aber auch in ungekünstelter Zuwendung zu überspielen. Hierin trafen sich Franziskus und Angela Merkel habituell. Beide vermittelten den Anwesenden das Gefühl einer transzeremoniellen Privatheit.

          Ein Jahrtausendkunstwerk will auch eine Sonderform der Raute: Bundeskanzlerin Angela Merkel  vor Michelangelos Pietà im Petersdom zu Rom.
          Ein Jahrtausendkunstwerk will auch eine Sonderform der Raute: Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Michelangelos Pietà im Petersdom zu Rom. : Bild: Bundesregierung

          Erstaunen und Freude beim Publikum

          Bei der vorangegangenen Besichtigung von St. Peter, gemeinsam mit Joachim Sauer und Monsignore Oliver Lahl, trat das Sicherheitspersonal der Bundeskanzlerin wie gewohnt nicht dominant in Erscheinung. Das unvorbereitete Publikum reagierte auf ihre Anwesenheit mit Erstaunen, und durchweg, so auch während des Gangs über das Dach der Peterskirche, folgten nach der Überraschung Zeichen der Freude, des Respekts und der Distanz. Es war, als würde das Verhalten der Umwelt spiegelneuronal beantworten, was von Angela Merkel ausgeht. Zwischen Näherungswunsch und Sympathiedistanz manifestierte sich ein Respekt, der sich auch am Nachmittag bei der Veranstaltung der ökumenischen Laiengemeinschaft Sant’Egidio vor dem Kolosseum zeigte.

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          Im Audienzraum des Papstes und im Langhaus von St. Peter hielten sich Distanz und Nähe die Waage. Ein dritter Ort bereitete eine weitere Erfahrung: In einem bestimmten Moment des Besuches von St. Peter wurde uns bedeutet, dass wir über einen Seiteneingang hinter die Glasscheibe treten könnten, welche Michelangelos Skulptur der Pietà seit dem ikonoklastischen Attentat von 1972 der Wahrnehmung durch das Publikum entrückt. Auf „Tuchfühlung“ mit der Pietà jenseits der Glasscheibe geschah jene unmittelbare Zuwendung, die den unter permanenter Beobachtung und Selbstkontrolle stehenden Amtskörpern in der Regel nicht gelingen kann.

          Die zwanglose Begegnung mit der überwältigenden Marmorfigur und ihre Fähigkeit, verschiedene Zeit- und Raumsphären simultan auf plastische Weise zusammen­zuführen und damit so unterschiedliche Gemütszustände wie Erfüllung, Sehertum und Trauer wie auch Leben und Tod miteinander zu verbinden, führte jedoch in Tiefenschichten, in denen sich die Unverstelltheit gleichsam ohne Schleier offenbart. Fassungslosigkeit zu­zulassen ist ein eigenes Zeichen von Souveränität, und wohl keiner der Beteiligten wird den Moment ­vergessen.

          Die Szene hatte exemplarischen Charakter. Die Fähigkeit, situationsbedingt die Ebenen zu wechseln und sich so gut wie unbedingt auf ungeahnte Gegebenheiten einzulassen, ist ein Wesenszug des politischen Agierens von Angela Merkel. Die sechzehn Jahre ihrer Kanzlerschaft waren eine Kette von Krisen. Deren Bewältigung, dies wurde vielfach berichtet, wäre ihr nicht möglich gewesen ohne die Fähigkeit, mit der Aura des Amtes niemals jenen Grundzug privater Zivilität zu verlieren, die den Besuch im Vatikan bestimmte.

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