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Mensch Merkel : Gelöst in Dresden

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In Verbundenheit: Ingrid Biedenkopf umarmt Kanzlerin Angela Merkel während der Festveranstaltung zur Feier des 90. Geburtstags ihres Mannes in der Dresdner Frauenkirche. Bild: dpa

Die Stadt des Barock pflegt ein schwieriges Verhältnis zu Kanzlerin. Der Galgen der Pegida-Demonstration ist noch in Erinnerung, doch die Zeit könnte für Angela Merkel spielen.

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          Der Galgen, natürlich. Keine Dresdner Erinnerung an die Regierungszeit der Kanzlerin ohne diesen unsäglichen Exzess während einer Pegida-Demonstration. Scham gebiert keine feierliche Stimmung. Zu der gab zuletzt Kurt Biedenkopf Anlass. Der in der Frauenkirche zelebrierte 90. Geburtstag war ein säkulares Hochamt; die Kanzlerin, der symbolische Prachtentfaltung bekanntlich wenig bedeutet, wirkte gelöst wie lange nicht mehr an der Elbe. Im September dieses Jahrs dann die deutlich kleinere Trauergemeinde, wieder in der Frauenkirche, doch diesmal ohne Kanzlerin. Der Tod des einstigen Ministerpräsidenten hat besonders die älteren Dresdner erschüttert. Viele haben am Volkstrauertag das Grab des Landesvaters aufgesucht.

          Damit hat sich ein Kreis geschlossen, der im Dezember 1989 mit einer in der alten BRD völlig undenkbaren Kohl-Begeisterung und der Euphorie des „Wir sind ein Volk“ begann. Vom Dresdner Neumarkt ging eine Dynamik in Richtung Wiedervereinigung aus, die alle Ideen von einem „Dritten Weg“ plötzlich als Fantastereien erscheinen ließ. Der weltweit beachtete Wiederaufbau der Frauenkirche, die am 30. Oktober 2005 in Anwesenheit der designierten Kanzlerin Merkel als Monument der europäischen Versöhnung geweiht wurde, sorgte dafür, dass der nationale Überschwang nicht in Nationalismus ausartete. Doch nicht einmal 10 Jahre später kam Pegida – und der Galgen. Was war in der Zwischenzeit passiert?

          Mal rosarot, mal rabenschwarz

          Im Gegensatz zu Biedenkopf und Kohl, die den Dresdner Eitelkeiten stets schmeichelten, war Symbolpolitik nicht Merkels Stärke. Langfristig liegt hierin für Dresden die Chance, einen Narzissmus zu überwinden, der die Welt nur in Extremen wahrnehmen kann: mal rosarot, mal rabenschwarz. Paradoxerweise brachen die Gräben in Dresden während der Kanzlerschaft Merkels ausgerechnet in einer Periode auf, in der die Stadt eine stetige Prosperität erlebte. Allerdings zeigt sich der gewachsene Wohlstand vor allem in der Steigerung des Konsums; dagegen war der Aufschwung beim ewigen Konkurrenten Leipzig immer deutlich trendiger, bunter, emanzipierter – und damit auch: entspannter mit Blick auf eine zunehmend unsichere Zukunft. Nach Leipzig kamen BMW und die Kreativwirtschaft, nach Dresden kamen Beamte, Ingenieure und Informatiker.

          Für die mediale Wahrnehmung der Stadt war ein anderes Ereignis signifikant. Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ gewann 2008 den Deutschen Buchpreis. Ausgerechnet in jenem Jahr, in dem die Kanzlerin als Krisenmanagerin zur mächtigsten Frau des Westens aufstieg, schien „die süße Krankheit Gestern“ die Dresdner Mentalität auf den Punkt zu bringen. Dabei war nicht so sehr der Roman selbst, sondern seine euphorische Rezeption im Feuilleton und in Teilen des westdeutschen Bürgertums das Problem. Als dann 2009 Barack Obama an der Seite Angela Merkels Elbflorenz einen Besuch abstattete, schien für die Dresdner die grandiose Selbstüberschätzung, man sei selbstverständlich der Nabel der Welt, bestätigt – eine Selbstüberschätzung, die immer dann in ihr Gegenteil umschlägt, wenn das kollektive Trauma berührt wird: die Bombardierung vom 13. Februar 1945, das Ende einer Welt.

          Im Gefolge von Pegida & Co. sank das Image Dresdens auf den absoluten Nullpunkt, während sich um die Kanzlerin zumindest in der veröffentlichten Meinung eine Art moralisch befestigte Tabuzone im Sinne einer Immunisierung gegen jegliche Kritik etablierte. Doch gab es auch Schwadroneure mit Professorentitel, die in Dresden einen Vulkankrater erkennen wollten, aus dem sich das angestaute Magma – der Volkszorn – beispielgebend ergießt. Dabei wurde stets übersehen, dass die demographische Entwicklung und der Zuzug von auswärtigen Fachkräften in Dresden längst zur Etablierung eines neuen Bürgertums geführt haben, das der Kanzlerin eher wohlgesinnt ist. Für eine Bilanz der Dresdner Sicht auf die Ära Merkel ist es noch zu früh, doch sei eine Prognose gewagt: Angesichts der Neigung zur ­Verklärung der Vergangenheit dürfte in der Residenz Augusts des Starken der Zenit des Ansehens der Kanzlerin noch bevorstehen.

          Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Publizist und lebt wieder in seiner Geburtsstadt Dresden. Die bisherigen Folgen finden Sie im Internet unter www.faz.net/menschmerkel.

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