https://www.faz.net/-gsf-aijzm

Serie „Mensch Merkel“ : Gedanke wird Wort

  • -Aktualisiert am

Hatte stets ein Bewusstsein dafür, auch durch das eigene Handeln historisch zu wirken: die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: REUTERS

Historisches Wissen als Beitrag zur Selbstverständigung in der Gegenwart: Wie die Krisenkanzlerin Angela Merkel ihr Geschichtsbewusstsein zur Sprache brachte.

          3 Min.

          Der Physikerin war vergönnt, was dem Historiker versagt blieb. 2010 sprach Angela Merkel zur Eröffnung des Historikertags. Helmut Kohl wurde diese Ehre nicht zuteil. Oder präziser: Er verzichtete darauf, nachdem Kritik an seiner Einladung 1994 laut geworden war. Kritik, gekleidet in die Sorge, durch einen Auftritt wenige Tage vor der Bundestagswahl könne der Kongress zum Wahlkampfereignis herabsinken. Über „Nationale Identität im vereinigten Europa“ wollte Kohl sprechen. Der Titel der Rede beschwor vier Jahre nach der deutschen Vereinigung bei manchen das Gespenst der Renationalisierung herauf. So war die Rede der Bundeskanzlerin 16 Jahre später, wie sie selbst betonte, ein seltenes Ereignis. Bis dahin war mit Helmut Schmidt 1978 nur ein Bundeskanzler Gast der Zunft gewesen.

          Nationale Töne mussten die Historiker von Merkel nicht befürchten. Zwar erinnerte sie kurz vor dem zwanzigsten Jahrestag an die Überwindung der Teilung, erwähnte in diesem Zusammenhang die Namen Walesa, Gorbatschow und Genscher, nicht aber Kohl, und bezeichnete die Jahre 1989/90 als „wichtige Phase unserer Nation“ – nicht mehr, nicht weniger. Doch auch von Europathos („Scheitert der Euro, dann scheitert Europa!“) war ihre Rede ganz frei. Stattdessen ging es ganz unpathetisch um Krisenmanagement, Krisenüberwindung und historisches Lernen. Das war ihre Geschichtspolitik. Immerhin: Auch von der Herausforderung historischer Prozesse sprach die Kanzlerin 2010, mitten in der Eurokrise, von Aufgaben von wahrhaft historischer Dimension. Ihr Geschichtsbewusstsein klang da an, das Bewusstsein dafür, auch durch das eigene Handeln historisch zu wirken. Im Unterschied zu jenem Geschichtsbewusstsein, das sie am Schluss ihrer Rede den Deutschen anempfahl: historisches Wissen als Beitrag zur Selbstverständigung in der Gegenwart.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Russische Soldaten nehmen an Übungen auf dem Schießplatz Kadamowskii in Rostow am Don teil.

          Krise mit Russland : Nach der Ukraine ist Europa dran

          Putin will nicht nur die Ukraine. Er will Hegemonie über ganz Europa. Die EU muss deshalb über eine eigene Abschreckung reden. Frankreich hat die Debatte eröffnet.
          Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, im Januar in Berlin

          Verfassungsschützer Haldenwang : „Corona ist nur der   Aufhänger“

          Die Corona-Proteste stellen den Verfassungsschutz vor Herausforderungen. Präsident Thomas Haldenwang spricht im Interview über eine neue Szene von Staatsfeinden, sein Problem mit dem Messengerdienst Telegram und Maulhelden im Netz.
          In Wismar entsteht das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Doch jetzt sind die MV Werften pleite.

          Kreuzfahrt-Tourismus : Traumschiffe in Not

          Klimakrise, Insolvenzen wie die der MV-Werften in Rostock und die Pandemie: War es das mit dem Kreuzfahrt-Boom? Die Branche steht vor existenzbedrohenden Herausforderungen.