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„Mein Kampf“ im Internet : Bei Hitler wird die Löschtaste gedrückt

  • -Aktualisiert am

Englische Ausgabe: „Mein Kampf“ lässt online ohne weiteres in vielen verschiedenen Sprachen bestellen. Das muss nicht so sein. Bild: Archiv

Warum wird nicht konsequent gegen die Verbreitung von „Mein Kampf“ im Netz vorgegangen? Es wäre ganz leicht. Man muss es nur wollen.

          Gestorben ist der Autor von „Mein Kampf“ am 30. April 1945. Urheberrechtlich erlöschen in Deutschland die Rechte an seinem Werk nach siebzig Jahren, genau genommen am Silvestertag 2015, falls nicht noch eine „Lex Hitler“ als urheberrechtliche Novelle kommt.

          Wer besitzt diese Rechte? Das Land Bayern, das dazu 1945 von den Alliierten verdonnert wurde. Einer der bayerischen Textbausteine zum Thema lautet: „Mit der Übertragung dieser Rechte wurde auch die Verantwortung, die Wiederverbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts durch die Wahrnehmung seiner urheberrechtlichen Position zu unterbinden, in die Hände des Freistaats Bayern gelegt. Bei der Verwaltung seiner Rechte nimmt der Freistaat Bayern bereits seit Jahrzehnten aus Respekt gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus eine restriktive Haltung ein. Abdruckgenehmigungen für Gesamtwerke werden weder im In- noch im Ausland erteilt. Gegen Verletzungen des Urheberrechts in Deutschland geht der Freistaat Bayern sowohl zivil- als auch strafrechtlich vor. Hiervon zu unterscheiden ist der antiquarische Vertrieb von Originalauflagen, der keine Verletzung des Urheberrechts darstellt.“

          Als E-Book bei Amazon und Apple

          Respekt? Restriktiv? Urheberrecht? Ich muss ein wenig ausholen: Gemeinsam mit dem Physiker Andreas Schaale versuche ich seit einigen Jahren, Buchverlagen das digitale Neuland zu erklären. Die meisten deutschen Verlage tun sich damit ebenso schwer wie ihre Standesvertretung, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das Buch „Mein Kampf“ bildet so etwas wie einen Prüfstand für unsere Tätigkeit, und so machten wir im Frühling 2014 einen Test: Es überraschte uns nicht wirklich, „Mein Kampf“ als E-Book auf verschiedenen Nazi- und Piratenseiten zu finden und auch bei Amazon und Apple. Schon mehr irritierte uns, dass zum Beispiel scribd.com, das reichweitenstarke „Youtube für Dokumente“ - eigentlich eine verkappte Piratenseite, aber meist als legale weltgrößte E-Book-Flatrate-Seite bezeichnet, wobei der Unterschied aus Autorensicht marginal ist -, und libreka.de, ein Portal, das damals noch von der MVB, einer Tochter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, betrieben wurde, Hitlers E-Book gleichfalls im Programm hatten.

          Ich muss noch etwas weiter ausholen: Falls man als Urheberrechtsinhaber Probleme mit Seiten wie Scribd hat, bedient man sich des sogenannten Notice-and-Takedown-Verfahrens. Man teilt Filehostern (der bedeutendste für E-Books ist im Moment „Uploaded“) mit, dass bestimmte Links auf ihren Servern das eigene Copyright oder das eines Auftraggebers verletzen und deshalb offline zu schalten sind. Wenn das erfolgt, sind die Filehoster im „Safe Harbor“, weil sie ihr Möglichstes getan haben. Also keine Kläger und auch keine Richter. Dieses Verfahren ist eine der wichtigsten Methoden, um sich als Urheberrechtsinhaber im Internet wehren zu können, und mit wenigen Ausnahmen hält sich auch jeder im Netz daran. Wann immer also Juristen, Lobbyisten, Verlage oder Autoren im Zusammenhang mit Piraterie neue Gesetze fordern, kann ihnen mit Recht erwidert werden: Wendet doch erst mal die bestehenden Möglichkeiten an. Oder sind die mit zu viel Arbeit und zu wenig Verdienst verbunden? Das beschriebene Verfahren erfordert ungefähr einen Tag, und derart schnell (nämlich morgen!) könnte man die wesentlichen Probleme der Netzverbreitung von „Mein Kampf“ lösen.

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