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Mehr als eine Finanzkrise : Das Zeitalter des Unglücks

  • -Aktualisiert am

Flucht: Ein Schild in der der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main weist den Weg Bild: picture-alliance/ dpa

Eine sogenannte „Finanzkrise“ kann in einer Gesellschaft, in der Finanzen die Synonyme für gesellschaftliche Rationalität geworden sind, nichts anderes sein als eine brutale Vernunftkrise. Wir können nur versuchen zu verhindern, dass uns das System einfängt und in seinen Wahn zieht.

          Stefan Zweig über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: „Die Jahre der Sicherheit“. Auden über die Zwischenkriegszeit: „Das Zeitalter der Angst“. Ist womöglich der Zeitpunkt für eine neue Zeit gekommen?

          Man sollte Warren Buffetts großen Satz von den „Massenvernichtungswaffen auf den Finanzmärkten“ heute einmal ganz wörtlich nehmen: moralisch, politisch, historisch. Man muss sich nur mal ansehen, wie die Beteiligten den Explosionen auf den Märkten sprachlich die Luft abdrehen wollen. Eine „Finanzkrise“? Mit gleichem Recht könnte man behaupten, dass die infame Spezialität von Hurrikan „Ike“ darin bestehe, Open-Airkonzerte am dreißigsten Breitengrad zu stören, aber alles andere, das er auch durcheinanderwirbelt, verschweigen.

          Es müssen irgendwo Verrückte herumlaufen

          Eine sogenannte „Finanzkrise“ kann in einer Gesellschaft, wo Finanzen die Synonyme für gesellschaftliche Rationalität geworden sind, nichts anderes sein als eine brutale Vernunftkrise. Es müssen irgendwo Verrückte herumlaufen, die bis Montag nicht aufgefallen sind, weil ihr Wahn identisch war mit der Logik des etablierten Systems. Sie vernichtet Vermögen, die ganzen Staatshaushalten entsprechen, aber nichts an ihnen hat die Größe wenigstens des großen Täters, da ist kein überragendes Talent, es ist, um ein Wendung aus anderem Zusammenhang zu zitieren, „nicht einmal eine im hergebrachte Sinne niedrige Leidenschaft, die groß wäre durch die Intensität, sondern ganz überwiegend kleine Schwächen, Egoismen, Verstiegenheiten“.

          Die Verrückten fangen wir nicht mehr ein. Aber wir können wenigstens versuchen zu verhindern, dass uns das System einfängt und in seinen Wahn zieht.

          Sie haben es nicht verstanden!

          Der nämlich hat uns zu infizieren begonnen, in unheimlicher Schnelligkeit, und das Sonderbare ist, dass wir es akzeptieren. Dazu nur ein Beispiel: Für strukturelles Versagen und institutionelle Verbrechen gilt, dass die Verantwortung zunimmt, je weiter man sich von der eigentlichen „Tat“ entfernt. Das soll für Chefs der Finanzhasardeure aber nicht gelten. Sie sagen nicht, dass sie Handlungen angeordnet oder unterbunden haben, sondern - und das lässt eine längst mit allem sich abfindende Gesellschaft ihnen durchgehen - sie sagen, wie die Chefs der IKB, dass sie die Praxis, die Handlungen und Verfahren nicht verstehen und nie verstanden haben. Sie haben es nicht verstanden!

          Man muss sich erinnern, dass dies uns über Jahre hinweg in Talkshows und auf Foren als „Rationalität“ angepriesen wurde. Und nun wird eine Unterbrechung der Kausalkette als Entschuldigung angegeben, bei der niemand mehr Verursacher ist. Die rein semantische Schwierigkeit, überkommene Rechtsbegriffe auf die Untaten an den „Finanzmärkten“ anzuwenden, erlaubt den Handelnden, sich wie Wissenschaftler bei einem fehlgeschlagenen Experiment zu fühlen. Daher der Pseudotalk der Experten. Daher das geniale Schuldumwälzungmodell. Daher die ausbleibende Empörung, der Defätismus einer Gesellschaft, die in den letzten Jahren, ohne es zu merken, eine verheerende Vernichtung ihrer Ideale erlebt hat.

          Drei Phasen einer zunehmenden Desillusionierung

          Daher das Phänomen, dass Hans-Olaf Henkel und seine Sozialingenieursklone dauernd bessere Betriebsanleitungen fordern, ein Ohrwurm, der aus jeder Fernsehsendung und jedem Expertengespräch quäkt. Als wäre es um die Gebrauchsanweisung für ein i-Pod gegangen. Als wäre das Versprechen in hundert Jahren Sabine Christansen plus Merz plus Westerwelle plus Henkel plus Merkel plus Clement nicht vielmehr gewesen, dass es um die Anleitung zum Glücklichsein unserer Gesellschaft geht. Wer das leugnet, sagt die Unwahrheit und kann überführt werden: Die neoliberale Ideologie hat einen Vernunft- und Glückszusammenhang zwischen Individuum und Globalisierung hergestellt, der ausschließlich ökonomisch begründet war.

          Unsere Gesellschaft bewegt sich in ein Zeitalter des Unglücks hinein. Die Phase des Unglücks mag kürzer währen als das Zeitalter der Sicherheit oder der Angst, aber es steht vor der Tür, und jeder spürt es. Man kann drei Phasen einer zunehmenden Desillusionierung benennen. Es begann mit der Zerstörung der politisch-moralischen Zuständigkeit beim Irak-Krieg, einer bis heute fortdauernden Traumatisierung europäischer Politik und ihrer Eliten. Wie bei der Finanzkrise lautete der Satz der institutionell Verantwortlichen: Wir wissen nicht, was geschieht. Wir wissen nicht, wie es funktioniert. Wenn Menschenrechte, Freiheit und Friede auf der Ebene kollektiver Politik das sind, was Rationalität im Wirtschafts- und Sozialleben ist, dann war der Irak-Krieg der Beginn einer neuen Unglücksgeschichte. Niemand hat bisher die Geschichte derjenigen geschrieben, die zunächst glaubten, dass richtig ist, was geschieht. Mittlerweile melden sie sich - von der „New York Times“ bis zu einschlägigen Kolumnisten - selbst zu Wort.

          Der traditionelle Lebenszyklus wird vernichtet

          Die zweite Phase war die Selbstzerstörung des sozialen Wohlfahrtsdiskurses der Gesellschaft. Nicht dass die Sozialsysteme reformiert oder angepasst werden sollten, war die nächste Stufe in der Fabrikation des Unglücks, denn jeder wusste, dass sie nicht mehr lebensfähig waren. Das Verhängnis lag in der Behauptung, für den Reformzwang stünden rationale Argumente zur Verfügung, die aus der hohen Vernunft der Ökonomie und der Finanzmärkte sich ableiteten. Wenn es stimmt, was Peter G. Peterson sagt (siehe auch: Interview: Peter G. Peterson über Amerikas Krise), dass ein Großteil des monumentalen Desasters an den Märkte auf die Eitelkeit der Protagonisten zurückgeht, dann ist diese volkswirtschaftliche Valenz von Eitelkeit im deutschen Unglücksdiskurs der letzten Jahre am besten zu studieren.

          Es ging in all den Talkshows und Reden nie darum, einen Zukunftsentwurf von verbindender Kraft zu verwirklichen, sondern ein Triebverlangen abzureagieren, in dem Eitelkeit und messianische Sendung, hemmungslose Idealisierung der globalisierten Rationalität bei gleichzeitiger emotionaler Bevormundung einer ganzen Nation („Risiken eingehen!“) eine Horror-Ehe eingingen. Die Ergebnisse sind nicht fiktiv, sie liegen vor Augen: Demoralisierung der nachwachsenden Generation, Zerstörung der Universitäten und Bildungsgänge, Zerstückelung von Biographien, Betrug über Alterssicherheit und Rente und so weiter - kurzum: Bedrohung oder Vernichtung des traditionellen Lebenszyklus in fast allen seinen Details.

          Ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück

          Ehe Henkel und Co. das Wort ergreifen oder Zumwinkel und Pierer das Unrecht der Welt bejammern: Wir beklagen es jetzt. Gewiss, es gab schlimmere Zeiten. Kriege, Hungersnöte, Seuchen. „So schlimm wie im Märchen geht's uns lange noch nicht“, sagt die deutsche Seele und denkt an Sterntaler vor dem Sternregen. Und auch nicht so schlimm wie Fünfundvierzig und Achtzehn und schon gar nicht wie in der Sahelzone. Was sind da schon ein paar kaputte Banken und die Vernichtung von sehr viel Geld?

          Es geht aber nicht um ein Unglück, wie es die Menschen zu allen Zeiten und in allen Welten immer wieder überfällt, es geht nicht um bitterlich frierende Menschen und Kinder, die in den Wald geschickt werden wie Hänsel und Gretel. Das Unglück, von dem man reden muss, ist ein hergestelltes, ein produziertes, ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück - ein Unglück, das mit Fleiß in die Welt gesetzt wird und dessen Anstifter, Täter, Mittäter, Beihelfer, Mitwisser anders als bei einem Wohnungseinbruch (um Enzensberger zu zitieren) nicht zu benennen sind.

          Wir sind im Begriff, um ein Wort der „Wahlverwandtschaften“ zu variieren, uns eine unglückliche Gesellschaft zu zimmern. Die Vernichtungsorgie, die sich an den Finanzmärkten abspielt, ist im anonymen Sozialen das, was zwischen den Menschen eine Lüge ist. Wir haben nicht viele Optionen zu reagieren. Aber das, womit alle Geschichte begann, können wir: sagen, was Lüge ist.

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