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Mehr als eine Finanzkrise : Das Zeitalter des Unglücks

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Unsere Gesellschaft bewegt sich in ein Zeitalter des Unglücks hinein. Die Phase des Unglücks mag kürzer währen als das Zeitalter der Sicherheit oder der Angst, aber es steht vor der Tür, und jeder spürt es. Man kann drei Phasen einer zunehmenden Desillusionierung benennen. Es begann mit der Zerstörung der politisch-moralischen Zuständigkeit beim Irak-Krieg, einer bis heute fortdauernden Traumatisierung europäischer Politik und ihrer Eliten. Wie bei der Finanzkrise lautete der Satz der institutionell Verantwortlichen: Wir wissen nicht, was geschieht. Wir wissen nicht, wie es funktioniert. Wenn Menschenrechte, Freiheit und Friede auf der Ebene kollektiver Politik das sind, was Rationalität im Wirtschafts- und Sozialleben ist, dann war der Irak-Krieg der Beginn einer neuen Unglücksgeschichte. Niemand hat bisher die Geschichte derjenigen geschrieben, die zunächst glaubten, dass richtig ist, was geschieht. Mittlerweile melden sie sich - von der „New York Times“ bis zu einschlägigen Kolumnisten - selbst zu Wort.

Der traditionelle Lebenszyklus wird vernichtet

Die zweite Phase war die Selbstzerstörung des sozialen Wohlfahrtsdiskurses der Gesellschaft. Nicht dass die Sozialsysteme reformiert oder angepasst werden sollten, war die nächste Stufe in der Fabrikation des Unglücks, denn jeder wusste, dass sie nicht mehr lebensfähig waren. Das Verhängnis lag in der Behauptung, für den Reformzwang stünden rationale Argumente zur Verfügung, die aus der hohen Vernunft der Ökonomie und der Finanzmärkte sich ableiteten. Wenn es stimmt, was Peter G. Peterson sagt (siehe auch: Interview: Peter G. Peterson über Amerikas Krise), dass ein Großteil des monumentalen Desasters an den Märkte auf die Eitelkeit der Protagonisten zurückgeht, dann ist diese volkswirtschaftliche Valenz von Eitelkeit im deutschen Unglücksdiskurs der letzten Jahre am besten zu studieren.

Es ging in all den Talkshows und Reden nie darum, einen Zukunftsentwurf von verbindender Kraft zu verwirklichen, sondern ein Triebverlangen abzureagieren, in dem Eitelkeit und messianische Sendung, hemmungslose Idealisierung der globalisierten Rationalität bei gleichzeitiger emotionaler Bevormundung einer ganzen Nation („Risiken eingehen!“) eine Horror-Ehe eingingen. Die Ergebnisse sind nicht fiktiv, sie liegen vor Augen: Demoralisierung der nachwachsenden Generation, Zerstörung der Universitäten und Bildungsgänge, Zerstückelung von Biographien, Betrug über Alterssicherheit und Rente und so weiter - kurzum: Bedrohung oder Vernichtung des traditionellen Lebenszyklus in fast allen seinen Details.

Ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück

Ehe Henkel und Co. das Wort ergreifen oder Zumwinkel und Pierer das Unrecht der Welt bejammern: Wir beklagen es jetzt. Gewiss, es gab schlimmere Zeiten. Kriege, Hungersnöte, Seuchen. „So schlimm wie im Märchen geht's uns lange noch nicht“, sagt die deutsche Seele und denkt an Sterntaler vor dem Sternregen. Und auch nicht so schlimm wie Fünfundvierzig und Achtzehn und schon gar nicht wie in der Sahelzone. Was sind da schon ein paar kaputte Banken und die Vernichtung von sehr viel Geld?

Es geht aber nicht um ein Unglück, wie es die Menschen zu allen Zeiten und in allen Welten immer wieder überfällt, es geht nicht um bitterlich frierende Menschen und Kinder, die in den Wald geschickt werden wie Hänsel und Gretel. Das Unglück, von dem man reden muss, ist ein hergestelltes, ein produziertes, ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück - ein Unglück, das mit Fleiß in die Welt gesetzt wird und dessen Anstifter, Täter, Mittäter, Beihelfer, Mitwisser anders als bei einem Wohnungseinbruch (um Enzensberger zu zitieren) nicht zu benennen sind.

Wir sind im Begriff, um ein Wort der „Wahlverwandtschaften“ zu variieren, uns eine unglückliche Gesellschaft zu zimmern. Die Vernichtungsorgie, die sich an den Finanzmärkten abspielt, ist im anonymen Sozialen das, was zwischen den Menschen eine Lüge ist. Wir haben nicht viele Optionen zu reagieren. Aber das, womit alle Geschichte begann, können wir: sagen, was Lüge ist.

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