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Medizinischer Fortschritt : Diagnose: Bedingt lebensfähig

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Das Dilemma des medizinischen Fortschritts: die Überlebenschancen der allerkleinsten Neugeborenen steigen, die Gefahr der Behinderung auch Bild: dpa

Das Drama um die drei verstorbenen Frühgeborenen in der Mainzer Universitätsklinik enthüllt die Systemfehler einer von Personalnot und Sparzwängen ausgezehrten Medizin.

          8 Min.

          Drei Frühgeborene sind auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Mainz verstorben, nachdem sie eine mit Darmbakterien verunreinigte Infusion erhalten hatten. Wie man inzwischen weiß, war die Nährlösung bereits vor ihrem Eintreffen in der Klinik verunreinigt.

          Solche Nährlösungen, die Eiweiße, Zucker, Salze, Fette und Vitamine enthalten, werden aus den steril angelieferten Komponenten externer Hersteller für jedes Kind individuell unter Beachtung strengster Hygieneregeln zusammengemischt. Die Luft im Reinraum wird technisch gefiltert, die Mitarbeiter tragen zwei Paar Handschuhe, die sie alle zwanzig Minuten wechseln, obwohl laut Vorschrift nur ein Handschuhwechsel alle dreißig Minuten erforderlich ist. Von jeder dieser in einer Maschine angemischten Infusionslösungen wird eine Rückstellprobe entnommen, die im Institut für Mikrobiologie auf mögliche Bakterien untersucht wird.

          Das Janusgesicht der Medizin

          Eine tägliche, unter hohen Sicherheitsstandards ablaufende und etwa 90 000 Mal perfekt praktizierte Routine. Warum mussten also die drei Kinder am Rande der Lebensfähigkeit sterben? Wer hat Schuld? Laut vorläufigem Obduktionsbericht hätten bei den Kindern zum Teil schwerste Vorerkrankungen bestanden. Die genaue Todesursache und damit auch die Schuldfrage werden noch zu klären sein.

          Triumph der Apparatemedizin: Intensivstation für Frühgeborene an der Universitätsklinik Mainz

          Zwischenzeitlich ist in der Öffentlichkeit eine hitzige Diskussion über angeblich desaströse Hygienezustände in den deutschen Krankenhäusern entbrannt. Eine Versachlichung der teilweise skandalisierenden Diskussion ist umso mehr angezeigt, als bei aller Tragik und allem Entsetzen über den Tod dieser Frühgeborenen Fragen beantwortet werden müssen, die über die Frage nach Hygienemängeln in Kliniken und Praxen hinausgehen. Vielmehr stellen sich weitaus tiefer reichende und ethisch grundlegende Fragen nach den Risiken und Folgeerscheinungen des sich immer weiter beschleunigenden technischen Fortschrittes in der Medizin. Denn im Todeskampf dieser Frühgeborenen auf der Intensivstation einer Universitätsklinik zeigt sich das Janusgesicht einer immer tiefer in bisher als unantastbar geltende Bereiche des Menschen hineinwirkenden Medizin, die mittlerweile in der Lage ist, menschliches Leben von seinen frühesten Anfängen, ja vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, über die Geburtsphase bis zum Ableben im hohen Alter zu manipulieren und nach Bedarf zu reparieren und zu korrigieren.

          Eindrucksvolle Verbesserungen der Überlebenschancen

          Durch die Fortschritte der vor- und frühgeburtlichen Medizin sind in den letzten Jahrzehnten die Überlebenschancen auch extrem kleiner Frühgeborener mit unter 1000 Gramm Geburtsgewicht enorm gestiegen: Während in den siebziger Jahren nur vierzig Prozent dieser Kinder und oft mit schweren Behinderungen überlebten, so ist mittlerweile die Überlebensrate von Frühgeborenen unterhalb der 26. Schwangerschaftswoche mit einem Geburtsgewicht von nur 500 Gramm von ehemals zehn Prozent auf nahezu fünfzig Prozent angestiegen. Heute überleben etwa 85 Prozent der Frühgeborenen unter 1500 Gramm.

          Diese starke Senkung der Frühgeborenensterblichkeit war nur möglich in hoch spezialisierten Frühgeborenen-Zentren und durch die Entwicklung moderner Medikamente, die zum Beispiel die Lungenreifung beschleunigten. Diese eindrucksvollen Verbesserungen der Überlebenschancen werden auf der anderen Seite erkauft durch einen beträchtlichen Prozentsatz an verbleibenden körperlichen und geistigen Behinderungen. Jedes vierte Kind mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm entwickelt im Laufe der nächsten Monate und Jahre eine so genannte Zerebralparese (kindlicher Hirnschaden) und Kinder mit einem extrem niedrigen Geburtsgewicht von weniger als 1000 Gramm leiden oft an Fehlbildungen des Herz-, Lungen- und Bronchialsystems, an Hirnblutungen oder auch an speziellen Augenerkrankungen und häufig zeigen sich später verminderte kognitive Fähigkeiten sowie Lern- und Schulschwierigkeiten.

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