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Medienrevolution : Das Publikum an der Macht

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Das kann man schon wieder als eine alarmierende Aussage und das Ende aller professionellen Standards sehen. Doch im deutschen Fernsehen sind professionelle Standards längst gleichbedeutend mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, unbedingter Massentauglichkeit und Innovationsfeindlichkeit. Je mehr das Fernsehen dadurch zu einem durchformatierten Medium wie dem Radio wird, das eigentlich nur nebenbei zu konsumieren ist, um so größer ist der Bedarf an aufregenden Alternativen. Das Internet wird sie bieten.

Der amerikanische Sender Comedy Central hat im November ein Breitband-Portal namens „Motherload“ eröffnet. Dort kann man sich nicht nur viele hundert Clips aus bekannten Programmen des Fernsehkanals ansehen, sondern auch eigens für das Internet hergestellte Produktionen. Es soll ein Ort für experimentellere Programme sein, nichttraditionelle Stimmen, Formate jenseits der üblichen dreißig Minuten - kurz: ein „Brutkasten“ für neue Ideen.

Jeder kann Produzent sein

Daß nur eine kleine Gruppe von Menschen die Möglichkeit hatte, Inhalte zu erzeugen und einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen, lag allein an technischen Beschränkungen: Die Kanäle und Vertriebswege waren limitiert und teuer. Das hat sich inzwischen geändert, nun ist potentiell jeder Produzent von Inhalten - und schlaue Medien nutzen das neue kreative Potential für sich. Im Kleinen probiert das gerade das Religionsportal des ORF im Internet, das unter religion.orf.at seine Nutzer auffordert, in eigenen Filmchen zu zeigen, was ihnen „heilig“ ist. Systematischer geht der britische Fernsehsender Channel 4 das Thema an. Unter dem Label „FourDocs“ kann jeder vierminütige Dokumentationen hochladen und mit der Welt teilen. Der Erfolg ist groß genug, um demnächst ein verwandtes Projekt namens „FourLaughs“ zu starten, das ein Showroom für Komiker werden soll. Diese Projekte sind kein Selbstzweck, Channel 4 erhofft sich auf diese Art, nicht nur ein Publikum an sich zu binden, sondern spannende neue Talente zu entdecken.

Auf der internationalen Fernsehmesse NATPE zitierte BBC-Chef Michael Grade diese Woche in Las Vegas Schätzungen, wonach in zehn Jahren zehn bis fünfzehn Prozent der neuen Inhalte von Anbietern wie „Ein-Mann-Bands, Hinterhof-Produktionen und Leuten, die eine gemeinsame Leidenschaft wie Fliegenfischen haben“ stammen wird. „On-Demand kommt und wird alles ändern“, sagt er. „Wir werden die Medienwelt nicht wiedererkennen.“

Die Revolution hat begonnen

Für zukünftige Generationen wird es keine unüberbrückbare Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten von Medieninhalten mehr geben. Laut einer amerikanischen Studie hat die Hälfte aller Zwölf- bis Siebzehnjährigen ein Blog oder eine Homepage, hat eigene Kunstwerke oder Fotos, Geschichten oder Videos im Internet veröffentlicht oder die von anderen weiterverarbeitet. Die Untersuchung nennt sie „Content Creators“.

„Was früher nur eine Vorlesung war“, sagt Dan Gillmor, „bewegt sich immer mehr in Richtung einer Konversation. Wenn Medien ihre Attitüde und ihre journalistische Praxis nicht ändern, um darauf zu reagieren, wird ihnen das auf lange Sicht schaden.“ Oder in den Worten von Jeff Jarvis: „Wer nicht Teil der Konversation ist, wird nicht gehört werden.“

Es ist erstaunlich, wie wenig über diese Revolution in Deutschland gesprochen wird, wie wenig Ansätze hierzulande zu erkennen sind, ihr gerecht zu werden. Vielleicht liegt es daran, daß diese Revolution schon einmal angekündigt war, vor ein paar Jahren im allgemeinen Dotcom-Hype, und dann doch nicht eintrat. Jetzt hat sie begonnen.

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