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Medienrevolution : Das Publikum an der Macht

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In ein paar Jahren wird man auf eine Zeit, in der voraufgezeichnete Fernsehprogramme nur zu einer einzigen, bestimmten Zeit anzusehen waren (und auch dann erschwert durch Werbeunterbrechungen), ähnlich mitleidig zurückschauen wie heute auf Stummfilme oder Fernsehgeräte, die nur ein Programm zeigten. Welchen Grund gibt es, auf die nächste Folge von „Desperate Housewives“ eine Woche zu warten? Oder zu verzweifeln, daß man die letzte Folge verpaßt hat? Keinen - in Zeiten von Breitband und verschmelzender Technik von Fernsehern und Computern.

Fernsehen on demand

Die Zeichen dafür sind unübersehbar: Die BBC experimentiert mit einem eigenen Media-Player, über den das riesige Archiv zugänglich gemacht wird. Nutzer können die Clips herunterladen und austauschen, und jeder, der die BBC-Rundfunkgebühr bezahlt hat, soll sie kostenlos sehen können. Vor drei Monaten gab das amerikanische Network ABC bekannt, seine Serien auch über den Apple-downloaddienst iTunes verfügbar zu machen. Für 1,99 Dollar kann man eine Folge von „Lost“ oder „Desperate Housewives“ auf den Computer oder den iPod herunterladen. Konkurrent NBC („Law & Order“) folgte im Dezember, diese Woche schloß MTV Networks („Spongebob Schwammkopf“, „South Park“) einen entsprechenden Vertrag ab.

Solche Plattformen eröffnen den Produzenten und Sendern nicht nur neue Erlöswege jenseits der Werbung; sie helfen ihnen auch, neue Zielgruppen zu erobern. Verblüfft stellte NBC fest, daß sich die Quoten für die Comedyserie „The Office“ dramatisch verbesserten, nachdem das Network Folgen davon bei iTunes zum kostenpflichtigen Runterladen angeboten hatte. Vertriebschef Frederick Huntsberry glaubt, daß durch iTunes neue Zuschauerschichten auf die Show aufmerksam wurden: „Konsumenten haben die Wahl, und wir erreichen nicht alle Konsumenten mit nur einer Technologie.“ Vor allem ein sehr junges Publikum werde so erstmals erreicht. Und Jeff Jarvis fügt hinzu, man möge sich nur vorstellen, um wieviel größer die Wirkung gewesen wäre, wenn NBC eine Folge von „The Office“ kostenlos (aber mit Werbung) zum grenzenlosen Download und Weiterreichen zur Verfügung gestellt hätte.

Zweifellos werden Menschen in absehbarer Zeit selbst entscheiden, wann und wie sie ihre Lieblingsprogramme sehen. Selbst ohne Breitband-Angebote kann man einen Vorboten davon in Deutschland schon erkennen: die explodierenden Umsätze mit Fernseh-DVDs. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Art der Programme, die produziert werden. Das kommerzielle Fernsehen von heute fährt ganz gut damit, Sendungen herzustellen, die eine große Zahl von Leuten gerade so wenig langweilt, daß sie nicht ausschalten. Zu den Gewinnern der Zukunft werden Produzenten gehören, die es schaffen, Inhalte herzustellen, die eine bestimmte Zahl von Leuten wirklich sehen will - und deshalb bereit ist, dafür Zeit oder Geld zu investieren.

Brutkasten für neue Ideen

Und es wird nicht mehr nötig sein, das Okay von mutlosen Senderverantwortlichen zu bekommen. In Großbritannien produziert der Komiker Ricky Gervais, Hauptdarsteller und Miterfinder von „The Office“ (dem Vorbild für „Stromberg“), eine wöchentliche Radioshow als Podcast. In den ersten sieben Wochen ist sie über zwei Millionen Mal heruntergeladen worden. „Normalerweise muß man eine Show auf BBC Radio 1 oder Radio 2 machen, um von Millionen Leuten gehört zu werden“, sagt Gervais. „Das Problem ist, daß diese Sender von einem erwarten, kompetent und professionell zu sein. Wir mußten einen Weg finden, das zu umgehen.“

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