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Medienrevolution : Das Publikum an der Macht

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Diese Blogs sollen Interaktivität suggerieren und demonstrieren das Gegenteil. Echte Interaktivität wäre aber auch ein wahrhaft revolutionäres Konzept. Der amerikanische Journalist und Vordenker Jeff Jarvis, der unter anderem die Online-Ausgabe der „New York Times“ berät, beschreibt es so: „Das Problem mit der Art, wie die Medien Interaktivität definieren, ist, daß es immer um kontrollierte Reaktionen auf die Tagesordnung des Mediums geht: Kommt und redet über unser Zeug. Sie wird gestaltet wie ein Museum für Kinder, mit Knöpfen, die man drücken kann und die einen beschäftigen sollen. Das ist die Botschaft, die alle Foren und Chats und Blogs vermitteln, die sich mit den Veröffentlichungen der Medien beschäftigen. Bei Interaktivität geht es um mehr als ums Reagieren. Es geht ums Gestalten. Es geht nicht um kontrollierte Autorität. Es geht um geteilte Autorität.“

Auf das Publikum hören

Kontrollverlust? Autoritätsverlust? Kein Wunder, daß vielen Journalisten sogenannter etablierter Medien vor der digitalen Zukunft (um nicht zu sagen: Gegenwart) graust. Wenn sie daran denken, daß das Publikum mitredet, sehen sie dumpfe Gestalten, die sich einen eskalierenden Brüllwettbewerb liefern, wie scheinbar in jenen Online-Kommentaren bei der „Washington Post“ (obwohl auch hier von den tausend Kommentierern nur eine Minderheit die Regeln verletzte).

Was sie meist nicht sehen, ist die Chance, stärker, besser, klüger zu werden, wenn sie auf ihr Publikum hören. Der Journalist Dan Gillmor, der den Begriff citizen journalism geprägt hat, sagt im notebook-onlinejournalismus.de: „Etwas, das ich vor langer Zeit gelernt habe, als ich im Silicon Valley über Technologie geschrieben habe: Die Gesamtheit meiner Leser weiß viel mehr als ich! Das war eine großartige Chance, besseren Journalismus zu produzieren.“

Interaktivitätsattrappen

Man fühlt sich einigermaßen albern, über solche Konzepte zu diskutieren, wenn man sich die Online-Realität deutscher Medien ansieht. Zu deren Standard gehört es, Foren einzurichten. Hier kann jeder seine Wünsche, Beschwerden, Anregungen, Fragen loswerden - er könnte sie alternativ aber auch auf ein Stück Papier schreiben und verbrennen, mit ungefähr derselben Wirkung. Meist sind diese Foren kleine verwahrloste Interaktivitätsattrappen. Nicht selten wird der Online-Nutzer wie ein Idiot behandelt. Wenn „Bild“ hundert Gründe aufschreibt, warum Mozart toll ist, macht Bild-Online daraus ein Pop-up mit je einem Grund, so daß man hundert Mal klicken muß, was kurzfristig gut ist für die Statistik - und jeden halbwegs intelligenten Leser auf Dauer vertreibt. Wer auf bravo.de die Titelgeschichte anklickt, kommt nicht zum zugehörigen Artikel, sondern muß sich noch ein halbes Dutzend Mal durch verschachtelte Menüs klicken.

Dahinter steckt der Versuch, dem Publikum den Abschied von den etablierten Vertriebswegen so unattraktiv wie möglich zu machen. Und die Sorge, daß Leser, Zuschauer und Nutzer sich tatsächlich nur noch das angucken, was ihnen gefällt. Genau diese Möglichkeit bietet das Internet, und man könnte nun annehmen, daß die Medien versuchen, dadurch eine besonders gute Ausgangsposition zu erreichen, daß sie ihren Lesern diesen Wunsch erfüllen. Häufiger ist das Gegenteil der Fall: Die Angst, daß das Publikum das Gesamtpaket aufschnürt und sich nur noch heraussucht, was ihm gefällt, ist so groß, daß man ihm das Aufschnüren so schwer wie möglich macht.

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