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Medienlegende „Sachsen-Sumpf“ : Das erinnert fatal an den Fall Sebnitz

„Abseits II”: 15.600 Seiten umfasst das Material zur „Sachsen-Affäre” Bild: ddp

Wo hysterische Kräfte sinnlos walten: Die Geschichte vom „Sachsen-Sumpf“ und der „sächsischen Mafia“ ist in weiten Teilen ein Medienkonstrukt. Die Story war unglaublich, gerade deshalb geisterte sie herum. Viele Journalisten trugen das Ihre dazu bei. Von Reiner Burger, Dresden.

          Vielleicht war der Fall Sebnitz ja doch nicht nur ein „extremes Beispiel für mangelnde Sorgfalt der Massenmedien“, wie es im Internetlexikon Wikipedia heißt. Der aktuelle Fall „Sachsen-Sumpf“ legt den Verdacht nahe, dass es vielmehr einen regelrechten Sebnitz-Effekt geben könnte: Verdächtigungen und Gerüchte müssen einfach nur so ungeheuerlich und so weitgespannt wie möglich sein, sie müssen zudem ohnehin schon vorhandene Vorurteile bedienen, dann ist es für Politik, für Medien, für alle schwer, sich ihrer suggestiven Kraft zu entziehen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Zur Erinnerung: Ende 2000 berichteten fast alle Medien darüber, dass der kleine Joseph im Juni 1997 von Neonazis im Sebnitzer Freibad ertränkt worden sei und die ganze Stadt den Fall seither totgeschwiegen habe. Politiker und Parteien bekundeten ihre Abscheu über das vermeintliche Verhalten der Leute aus der sächsischen Provinz. Kurz darauf brach die von der Mutter des Jungen konstruierte Geschichte in sich zusammen.

          Die Spitze des Aktenbergs

          Die Geschichte vom „Sachsen-Sumpf“ ist komplexer. Ihre suggestive Kraft bezieht sie schon aus der schieren Menge an Akten, die der sächsische Verfassungsschutz zu einem vermeintlich weitgespannten Netz aus korrupten Politikern, Immobilienhändlern, Polizisten und Justizbediensteten gesammelt hat: 15.600 Seiten. Was dann allen voran vom „Spiegel“ und von der „Leipziger Volkszeitung“ über einen angeblich schwer korrupten Staatsanwalt, angeblich bestechliche Richter und vor allem einen Immobilienhändler berichtet wurde, wirkte deshalb nur wie die Spitze des Aktenbergs.

          Innenminister Buttolo (l.) und Reinhard Boos, Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz

          „Sachsen versinkt in einem Sumpf von Skandalen“, textete im Juni der „Stern“. „Es geht um ein Dickicht aus Korruption, Amtsmissbrauch, Kinderprostitution. Alles scheint irgendwie miteinander in Verbindung zu stehen.“ Unter den Politikern allen voran befeuerte der sächsische Innenminister Buttolo (CDU) die Erwartungshaltung an den geheimen Aktenhaufen mit seiner mittlerweile legendären „Mafia-Rede“ im Landtag. Das stand im grotesken Gegensatz zum schmalen Gehalt der Akten. Jedem Leser mit kühlem Kopf hätte früh klar sein können, dass in der Sammlung aus alten Verfahren und Gerüchten kein weitgespanntes Mafia-Netz nachgewiesen wird. Und obwohl es sich sichtbar nur um äußerst Vages handelte, ließ sogar die „Süddeutsche Zeitung“ Grundregeln des Persönlichkeitsschutzes außer Acht und rückte einen ehemaligen Leipziger Staatsanwalt, die angeblich zentrale Figur, mit vollem Namen und Bild ins Blatt.

          Zweifelhafter Anfangsverdacht

          Nach internen Prüfungen des sächsischen Verfassungsschutzes stehen mittlerweile massive Zweifel an der Arbeit des ehemaligen Geheimdienst-Referats zur Beobachtung der organisierten Kriminalität im Raum. Doch den seit Mai sich entwickelnden Skandalisierungsprozess beeinflusste das ebenso wenig wie die schon Anfang Juni von der Bundesanwaltschaft abgegebene Einschätzung, es sei bereits zweifelhaft, ob sich aus dem Material überhaupt ein Anfangsverdacht ergebe.

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