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Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

  • -Aktualisiert am

Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin Bild: Picture-Alliance

Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Die Ostdeutschen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten von allen Seiten analysiert, seziert und in Schubladen gesteckt. Alle interessierten sich für sie, plötzlich bekamen sie eine Aufmerksamkeit, die es bis dahin nicht gegeben hat. Viele Ostdeutsche haben nach der Wiedervereinigung aus Protest gegen die als dominant erlebten Westdeutschen erst die PDS, dann die Linkspartei gewählt. Daraufhin gab es keinen großen Aufschrei in den Medien, die Leute wurden eher als Nostalgiker gesehen und allenfalls belächelt. Die Linke ist seit Jahren eine etablierte Partei, die in vielen Parlamenten sitzt und die Politik mitgestaltet. Sie aus Protest zu wählen macht keinen Sinn mehr. Was aber die nach wie vor miese Grundstimmung vieler Ostdeutscher betrifft, so hat sie das Feld jahrelang bestellt: An allen tatsächlichen oder vermeintlichen Missständen waren für sie stets die bösen „Wessis“ und die etablierten Parteien schuld. Sie brachten „Kolonialisierung“, „Deindustrialisierung“, Erniedrigung und Demütigung. Der Hass auf den Westen wurde kultiviert und die weitverbreitete Mentalität, die da oben sollen meine Probleme endlich einmal regeln und lösen, unterstützt. Die Haltung, bloß nicht bei sich selbst die Schuld zu suchen und nach der eigenen Verantwortung zu fragen, war für viele bequem. Die Ostdeutschen waren wieder nur die Opfer. Früher Opfer des Kommunismus, heute Opfer der Wende, der Treuhand und des kapitalistischen Systems.

          Dann kamen Pegida und Legida und die AfD. Und plötzlich war der Aufschrei groß. Wie kann man diesen rechten Rattenfängern hinterherlaufen, und wie kann man nur die AfD wählen? Alle Blicke richteten sich auf die Anhänger von Pegida, Legida und AfD, jede noch so simple Aussage löste eine Welle der Empörung aus. Plötzlich so zentral in den Medien präsent zu sein gab diesen Kräften ungeheuren Auftrieb. Die angeblich geschundene ostdeutsche Seele rückte in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

          Verstärkt wurde dies durch die neuen Medien, die im Sekundentakt viele in ihrer eingeschränkten Wahrnehmung bestätigen. Es finden keine inhaltliche Auseinandersetzung und kein Dialog mehr statt. Es wird nicht mehr um die besten Argumente gestritten und gerungen, sondern man bleibt in seiner Informationsblase unter Gleichgesinnten. Je mehr auf die AfD-Wähler eingeschlagen wird, umso mehr rücken diese als eingeschworene Menge zusammen. Sie sehen das Ende des Abendlands und fühlen sich von Feinden umzingelt. Und nun versucht die AfD die Friedliche Revolution auch noch für sich zu vereinnahmen. Wenn man selbst inhaltlich nicht viel zu bieten hat und viele Spitzenfunktionäre durch Hass und Hetze die Gesellschaft immer mehr spalten, möchte man doch wenigstens von diesem positiven Ereignis und dieser Kraft, die von der Friedlichen Revolution ausgeht, profitieren. Ein Phänomen, das auch auf der linken Seite zu beobachten ist.

          Nur nicht offen anecken

          Aber warum ticken die „Ossis“ so? Was bei allen Betrachtungen fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen der jahrzehntelangen Abschottung in der DDR. Welche langfristigen Schäden hat dies angerichtet? Hier ist nicht nur die Abschottung durch Grenzen und Mauern gegenüber anderen Ländern gemeint. Es geht mindestens so sehr auch um die Abgrenzung nach innen und um die fehlende Begegnung mit fremden Kulturen. Es geht um die innere Distanz zum System und die fehlende Debattenkultur sowie um den Umgang mit Kritik und den nicht stattfindenden Streit um politische Inhalte. Was bedeutet es, in einer Gesellschaft groß zu werden, deren verordnete Grundwerte der Marxismus-Leninismus und der neue sozialistische Mensch sein sollen?

          Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie aufgewachsen sind in einem Klima der Bevormundung und der Lügen? Wenn Jugendliche die Demütigung erfahren, ihre mühsam eroberte „Westtüte“ vor versammelter Klasse auskippen und der Lehrerin übergeben zu müssen? Wenn sie vor versammelter Klasse als Feinde des Sozialismus bloßgestellt werden, nur weil sie eine Westjeans tragen? Was macht es mit Menschen, wenn sie ständig sinnlose Ergebenheitsadressen vom Sieg des Sozialismus abgeben müssen – ob in der Grundschule, bei den Pionieren, in der FDJ oder selbst im Ferienlager und später im „Kollektiv“ des Betriebes? Wenn sie in der Schule auf keinen Fall erzählen dürfen, dass sie West-Fernsehen geschaut haben und welche Gespräche zu Hause geführt werden? Wenn die Eltern immer wieder mahnen, in der Schule ja nicht politisch anzuecken und sich doch lieber für einen dreijährigen „Ehrendienst“ bei der Nationalen Volksarmee zu verpflichten, um den Studienplatz nicht zu gefährden? Was hat es dann an der Universität für Auswirkungen, wenn in der Studiengruppe über „Verfehlungen“ eines Mitstudenten offen abgestimmt und dessen Verhalten verurteilt werden musste?

          Die siehst du frühestens als Rentner wieder

          Was passiert mit Menschen, wenn sie, nur um im Betrieb die Kollektivprämie zu bekommen, in Brigadetagebüchern vom großen Sieg des Sozialismus und der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft fabulieren müssen? Was passiert, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommen in heruntergekommene Wohnungen, wo der Putz bröckelt, es durch die Fenster pfeift, durch undichte Dächer regnet und sie durch die katastrophale Umweltsituation krank werden? Der täglich erfahrene Widerspruch zwischen der offiziellen Propaganda und dem eigenen Erleben – Václav Havel hat dies als „Leben in der Lüge“ schon 1976 in seinem Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ so beeindruckend beschrieben. Er schrieb: „Es ist eine komplexe tiefe und dauernde Vergewaltigung, beziehungsweise Selbstvergewaltigung der Gesellschaft“.

          Welche Auswirkungen hatte das Ausbluten der DDR durch den Weggang einer gut gebildeten Mittelschicht? Mit welchem Gefühl wurden Freunde und Verwandte an Bahnhöfen in den Westen verabschiedet, mit dem Wissen: Die siehst du nie oder frühestens als Rentner wieder?

          Ein erster Schritt

          Was macht es mit Menschen, wenn sie ständig auf der Hut sein müssen und nur wenigen vertrauen können? Wenn sie mitbekommen, wie groß die Denunziationsbereitschaft ist, ob in der Schule, an der Universität, in Betrieben und oftmals selbst in der Nachbarschaft und der eigenen Familie? Die Verführungen und die Verfolgungen des SED-Regimes griffen ineinander und bewirkten ein großes Misstrauen untereinander. Es ist der Nährboden für Feind- und Zerrbilder, Enge des Alltagslebens, Entsolidarisierung und Isolierung gesellschaftlicher Gruppen, Verhinderung von Vertrauen und Kooperation der Menschen. Abgrenzung geht durch die Köpfe und verschwindet nur schwer.

          All diese Auswirkungen von vierzig Jahren Leben in der DDR (nach vorhergehenden Jahrzehnten unter einer anderen deutschen Diktatur) sind trotz aller Aufarbeitung von einigen Fachleuten von der Mehrheit der Ostdeutschen und desinteressierten Westdeutschen bis heute nicht hinlänglich untersucht und diskutiert worden, bleiben aber relevant und werden an die nächste Generation weitergegeben. Wer den inneren Zustand im Osten unseres Landes verstehen will, kommt an diesen Erzählungen nicht vorbei. Was wir brauchen, ist eine multiperspektivische Betrachtung der DDR und des Transformationsprozesses. Wir müssen vom Alltag in der DDR sprechen, von Anpassung und Verweigerung, von Verantwortung und Versagen, vom Widerspruch bis hin zum Widerstand. Gewählt werden sonst wie früher auch heute diejenigen, die einfache Lösungen anbieten. Aus dieser Sackgasse müssen wir herauskommen.

          Es gibt keinen idealen Staat, deshalb müssen wir ständig an seiner Verbesserung arbeiten und für mehr Gerechtigkeit streiten. Dafür gibt es Möglichkeiten, sie sind nur aufwendiger und anstrengender als die lauten Rufe auf der Straße. Wir müssen alles dafür tun, die Erbitterten zurückzuholen und für unsere Demokratie zu gewinnen. Ein erster Schritt könnte sein, ihre Enttäuschung über abgehängte Regionen, ungleiche Löhne und Lebensverhältnisse, niedrige Renten, Angst vor Fremden und Gewalt unter Ausländern wirklich ernst zu nehmen. Wenn wir etwas von der Friedlichen Revolution und dem Herbst 1989 lernen können, dann ist es die Selbstbefreiung aus einer Bevormundung und die Selbstermächtigung zum Handeln.

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