https://www.faz.net/-gsf-9qaj4

Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

  • -Aktualisiert am

Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin Bild: Picture-Alliance

Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Die Ostdeutschen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten von allen Seiten analysiert, seziert und in Schubladen gesteckt. Alle interessierten sich für sie, plötzlich bekamen sie eine Aufmerksamkeit, die es bis dahin nicht gegeben hat. Viele Ostdeutsche haben nach der Wiedervereinigung aus Protest gegen die als dominant erlebten Westdeutschen erst die PDS, dann die Linkspartei gewählt. Daraufhin gab es keinen großen Aufschrei in den Medien, die Leute wurden eher als Nostalgiker gesehen und allenfalls belächelt. Die Linke ist seit Jahren eine etablierte Partei, die in vielen Parlamenten sitzt und die Politik mitgestaltet. Sie aus Protest zu wählen macht keinen Sinn mehr. Was aber die nach wie vor miese Grundstimmung vieler Ostdeutscher betrifft, so hat sie das Feld jahrelang bestellt: An allen tatsächlichen oder vermeintlichen Missständen waren für sie stets die bösen „Wessis“ und die etablierten Parteien schuld. Sie brachten „Kolonialisierung“, „Deindustrialisierung“, Erniedrigung und Demütigung. Der Hass auf den Westen wurde kultiviert und die weitverbreitete Mentalität, die da oben sollen meine Probleme endlich einmal regeln und lösen, unterstützt. Die Haltung, bloß nicht bei sich selbst die Schuld zu suchen und nach der eigenen Verantwortung zu fragen, war für viele bequem. Die Ostdeutschen waren wieder nur die Opfer. Früher Opfer des Kommunismus, heute Opfer der Wende, der Treuhand und des kapitalistischen Systems.

          Dann kamen Pegida und Legida und die AfD. Und plötzlich war der Aufschrei groß. Wie kann man diesen rechten Rattenfängern hinterherlaufen, und wie kann man nur die AfD wählen? Alle Blicke richteten sich auf die Anhänger von Pegida, Legida und AfD, jede noch so simple Aussage löste eine Welle der Empörung aus. Plötzlich so zentral in den Medien präsent zu sein gab diesen Kräften ungeheuren Auftrieb. Die angeblich geschundene ostdeutsche Seele rückte in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

          Verstärkt wurde dies durch die neuen Medien, die im Sekundentakt viele in ihrer eingeschränkten Wahrnehmung bestätigen. Es finden keine inhaltliche Auseinandersetzung und kein Dialog mehr statt. Es wird nicht mehr um die besten Argumente gestritten und gerungen, sondern man bleibt in seiner Informationsblase unter Gleichgesinnten. Je mehr auf die AfD-Wähler eingeschlagen wird, umso mehr rücken diese als eingeschworene Menge zusammen. Sie sehen das Ende des Abendlands und fühlen sich von Feinden umzingelt. Und nun versucht die AfD die Friedliche Revolution auch noch für sich zu vereinnahmen. Wenn man selbst inhaltlich nicht viel zu bieten hat und viele Spitzenfunktionäre durch Hass und Hetze die Gesellschaft immer mehr spalten, möchte man doch wenigstens von diesem positiven Ereignis und dieser Kraft, die von der Friedlichen Revolution ausgeht, profitieren. Ein Phänomen, das auch auf der linken Seite zu beobachten ist.

          Nur nicht offen anecken

          Aber warum ticken die „Ossis“ so? Was bei allen Betrachtungen fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen der jahrzehntelangen Abschottung in der DDR. Welche langfristigen Schäden hat dies angerichtet? Hier ist nicht nur die Abschottung durch Grenzen und Mauern gegenüber anderen Ländern gemeint. Es geht mindestens so sehr auch um die Abgrenzung nach innen und um die fehlende Begegnung mit fremden Kulturen. Es geht um die innere Distanz zum System und die fehlende Debattenkultur sowie um den Umgang mit Kritik und den nicht stattfindenden Streit um politische Inhalte. Was bedeutet es, in einer Gesellschaft groß zu werden, deren verordnete Grundwerte der Marxismus-Leninismus und der neue sozialistische Mensch sein sollen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.