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Umkämpfter russischer Film : Das heilige Weichei Nikolai

Utschitel galt bisher als Unterstützer des Kremls

Der Regisseur Utschitel galt bisher als Unterstützer des Kremls. 2014 lobte er in einem offenen Brief mit anderen Kulturschaffenden die Krim-Annexion. Sein Film wurde mit Staatsgeld gefördert und vom Kulturministerium für Zuschauer von 16 Jahren an freigegeben. Der Minister, Wladimir Medinski, selbst ein Protagonist in Moskaus Kampf gegen westliche Dekadenz und Verschwörungen, verteidigte „Mathilde“. Der Anführer des „Christlichen Staats“ und zwei weitere Personen wurden wegen Brandstiftung vor dem Anwaltsbüro festgenommen. Der Kultur-Ausschuss der Duma sah sich den Film an und fand nichts auszusetzen. Politiker lobten ihn. Die Generalstaatsanwaltschaft, die Poklonskaja mit Dutzenden Eingaben gegen den Film bombardiert hatte, teilte mit, bei seiner Entstehung habe es keine Gesetzesverstöße gegeben. Schließlich teilte auch das Kinonetz mit, den Film doch zeigen zu wollen, wegen der „aktiven Arbeit der Sicherheitskräfte“.

Doch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, der den Thronfolger spielt, kam nicht zur Premiere, die am Montag im Petersburger Mariinsky-Theater stattfand, wo viele Szenen gedreht wurden und dessen Orchester die Filmmusik einspielte. „Mir ist bewusst, dass man sagen könnte, ich hätte das Feld und die Macht diesen Leuten um Poklonskaja überlassen und sie habe den Kampf gewonnen“, schrieb Eidinger. „Aber ich kämpfe nicht. Das ist mir viel zu gefährlich, ich habe Angst.“

Russische Orthodoxe Kirche positioniert sich nicht

Die Russische Orthodoxe Kirche hat sich im Streit um ihren Heiligen nicht klar positioniert; Kleriker lehnten ein Verbot ab, distanzierten sich aber nicht von Extremisten-Auftritten bei einer kirchlichen Prozession. Unlängst äußerte sich Patriarch Kirill erstmals zur Kontroverse: Das Kirchenoberhaupt erkannte das Recht auf „künstlerische Erfindung“ an, fügte aber hinzu, man solle dieses nicht mit Lügen verwechseln, und riet Künstlern zum „gewissenhaften Umgang mit Fakten“.

Utschitel nimmt sich tatsächlich beträchtliche Freiheiten. Die Affäre ist historisch verbürgt, endete aber mit Bekanntgabe der Verlobung des Thronfolgers mit Alix von Hessen-Darmstadt, die als Alexandra Fjodorowna die letzte Zarin wurde. Der Film indes behauptet, Nikolai habe vor der Krönung auf den Thron verzichten und mit der Ballerina türmen wollen. Eidinger spielt die Zerrissenheit zwischen Pflicht und Leidenschaft überzeugend, und dass sein Thronfolger als schlichter Typ daherkommt, ist historisch korrekt. Doch dann lässt Utschitel seine Titelheldin zur Krönungszeremonie im Brautkleid in die Kremlkathedrale gelangen, dem Sicherheitschef entwischen und Nikolai ein verzweifeltes „Niki“ zurufen, woraufhin dieser in Ohnmacht sinkt und die Zarenkrone fallen lässt. Das ist reine Fiktion und widerspricht auch dem ansonsten kokett-selbstbewussten Auftreten Matildas, die passend zur polnischen Abkunft der Ballerina von der Polin Michalina Olszanska gespielt wird.

Eine Prise russischer Bärenhaftigkeit

Für eine Prise russischer Bärenhaftigkeit im höfischen Glanz erfand Utschitel zudem einen wilden Oberstleutnant (Danila Koslowski), der wie der Thronfolger durch das barbusige Tanzintermezzo für die Primaballerina entbrennt, was ihn, nachdem er aus einer gefahrvollen Hofreitshow mit viel Feuer als Sieger hervorgeht, dazu verleitet, den just in einem Stelldichein mit Matilda begriffenen Nikolai mit der Faust niederzustrecken. Er wird zum Tod durch den Strang verurteilt, von Nikolai begnadigt, dann aber fiesen Wasserfoltern durch einen Doktor Fischel unterzogen, den Thomas Ostermeier mimt, Eidingers Künstlerischer Leiter an der Berliner Schaubühne. Die Figur des deutschen Arztes und Geisterbeschwörers nimmt vorweg, was in Wirklichkeit Jahre später in der Affäre um den „Geistheiler“ Rasputin zum Skandal wurde: den Hang der Zarin, deren Darstellerin, Luise Wolfram ebenso von der Schaubühne kommt, zum Mystizismus. Wolfram und Ostermeier sprechen im Film Russisch mit deutschem Akzent, was im Fall der Prinzessin zu der auf Trampeligkeit angelegten Rolle passt, welche die Ballerina noch graziler wirken lässt.

Wenn „Mathilde“ kommende Woche synchronisiert in die deutschen Kinos kommt, dürften diese Reize sich verflüchtigen. Der Abspann erwähnt die glückliche Ehe Nikolais mit Alix-Alexandra und Matildas 99 Jahre langes Leben, das in Paris endete. Doch dem sterilen Gold-und-Glitzer-Spektakel fehlt ohne den Wahnsinn seiner realen russischen Feinde etwas Entscheidendes. In Petersburg beteten am Montag vor der Premiere Feinde des Films mit Zarenikonen, ihre Gegner demonstrierten mit Parolen wie „Wir retten die Welt vor orthodoxen Terroristen“. Gegen Russlands Wirklichkeit sieht jeder Film blass aus.

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