https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/masslose-kritik-an-der-historikerin-hedwig-richter-17248489.html

Streit um Hedwig Richter : Eine umgekehrte Dolchstoßlegende

Das Treitschke-Zitat ist für Wirsching ein Indiz dafür, dass Richter ein viel zu optimistisches Bild vom Demokratisierungspotential der Verfassung des Kaiserreichs habe. Sie folge „undifferenziert einer linearen Parlamentarisierungsthese, wie sie in der Forschung schon längst nicht mehr vertreten wird“. Die Rezension ist ein Beitrag zu einer Debatte unter Historikern, die im Jahr der Erinnerung an die Gründung des Reiches vor 150 Jahren mit erstaunlicher Heftigkeit ausgetragen wird. Erstaunlich sind Unfreundlichkeit und Grobheit dieses Streits, weil es an einem politischen Anlass fehlt. Erinnerungsfeiern in Anknüpfung an die früheren Reichsgründungs- und Sedantage finden nicht statt. Seitens der höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik wurde erklärt, es gebe über die staatsrechtliche Fortexistenz des 1871 geschaffenen Gebildes hinaus keine irgendwie bedeutungsvolle Kontinuität.

Wer sind die Nationalisten?

Dennoch hat der Marburger Historiker Eckart Conze seinen Beitrag zum Jubiläum, der im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienen ist, sich also ebenso wie Richters Buch an das große Publikum wendet, als Attacke angelegt. Er führt einen Angriff gegen eine kleine Gruppe von Kollegen, die angeblich eine „neo-nationalistische“ Agenda verfolgen, wenn sie etwa in Übereinstimmung mit einer stabilen Tendenz der internationalen Forschung betonen, dass Deutschland nicht mehr die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg aufgebürdet werden könne. Conze schrieb in der „Zeit“ einen (in Wirschings Feuilletonbilanz ebenfalls nicht berücksichtigten) Artikel gegen Richters fortschrittsfreundliche Kaiserreich-Deutung. Mit einem Verdikt, wie es auch der Bielefelder Schulgründer Hans-Ulrich Wehler in seinen Auseinandersetzungen mit Politikhistorikern wie Klaus Hildebrand routinemäßig herausgehen ließ, wirft jetzt auch Wirsching im Schulterschluss mit Conze Richter vor, dass ihre Interpretation „schlicht apologetisch“ sei. „Tatsächlich spielt Richter jenen neo-nationalistischen Kräften in die Hände, die die deutsche Geschichte gerne im Sinne einer gerade im internationalen Vergleich harmlos-demokratischen Linearität umschreiben würden.“

Armut als Skandal: Zeitgenössischer Holzstich zum Weberaufstand in Schlesien, 1844.
Armut als Skandal: Zeitgenössischer Holzstich zum Weberaufstand in Schlesien, 1844. : Bild: Picture-Alliance

Nun mögen einzelne der Historiker, die Conze im Auge hat, gelegentlich tatsächlich politische Ideen vorgetragen haben, die auf eine Neujustierung der deutschen Staatsräson zielen oder vielleicht auch schon reagieren. Ob aber etwa eine EU-Kritik, wie sie in einer anderen zuständigen Wissenschaft, dem Staatsrecht, von sehr vielen Fachvertretern vorgetragen wird, schon als „neo-nationalistisch“ klassifiziert werden kann, ist eine Frage des politischen Streits. Für die Wissenschaft wirft die von Conze und Wirsching propagierte Gefahrenabwehr die Frage der intellektuellen Kosten auf. Die Probe, ob nicht im Namen des Gegnerbekämpfung Sachzusammenhänge zu sehr vereinfacht werden, sollte eigentlich zum Arsenal der wehrhaften Demokratie gehören, sofern die Demokratie auch im Abwehrmodus ihrem experimentellen Genius treu bleiben möchte. Denn eigentlich ist die Demokratie ja, um Hedwig Richters Register der Liebesmetaphorik zu bemühen, mit der Empirie verheiratet.

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