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Massaker von Rechnitz : Die Gastgeberin der Hölle

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Dieses Protokoll wurde am 12. April 1945 in mehreren sowjetischen Zeitungen veröffentlicht, später aber von vielen Österreichern als bloße Propaganda abgetan. Im Zuge eines Prozesses vor dem „Volksgericht“ wurden die Gräber 1946 nochmals geöffnet, und man erstellte einen genauen Lageplan, der beim Bezirksgericht in Oberwart deponiert wurde. Wenig später verschwand dieser Lageplan. Dies war der erste in einer ganzen Reihe konspirativer Vorfälle. Von 1946 bis 1948 wurden noch weitere Verfahren eröffnet, doch schon 1946 waren die beiden Hauptzeugen ermordet worden, und in der Bevölkerung breitete sich Angst aus. Die meisten Zeugen widerriefen im Hauptverfahren ihre Aussagen, änderten sie ab oder erschienen gar nicht erst vor Gericht. Die wenigen Urteile, die gegen noch nicht geflohene Beteiligte gefällt wurden, fielen milde aus. Schon nach wenigen Jahren wurden deren Reststrafen zur Bewährung ausgesetzt.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass Margit von Batthyány sich ebenso wie Podezin und Oldenburg ihrer Verantwortung entzoge hat. Sie floh damals in die Schweiz, wo sie Podezin in einer kleinen Wohnung über einer Bar in Lugano unterbrachte, nachdem sie ihm zunächst bei der Flucht nach Deutschland geholfen hatte.

Schließlich wurde Podezins Anwesenheit jedoch zu einer Last, und er war gezwungen, weiter zu fliehen. Angesichts der anhängigen Gerichtsverfahren schrieb er an Oldenburg und verlangte von ihm und Margit von Batthyány finanzielle Hilfe, damit er nach Südafrika fliehen konnte. Falls sie ihm nicht antworteten, so schrieb er, sei er gezwungen, „Oldenburg und die Gräfin durch den Schmutz zu ziehen“. Offensichtlich erhielt er die geforderten Geldmittel. Er ist zuletzt in Pretoria gesehen worden, während Oldenburg die Flucht nach Argentinien gelang.

Ferien am Tatort

Damit waren die Versuche, einen Mantel des Schweigens über die Geschichte zu breiten, jedoch nicht am Ende. Noch 1985 beschloss der Autor einer Artikelserie in der im Burgenland erscheinenden „Oberwarter Zeitung“, die sich unter den Titeln „Der Rechnitz-Mord“, ein „Orgienball“ und „Danse macabre“ mit der Ermordung der Juden in Rechnitz befasste, die Serie vorzeitig abzubrechen, weil er Morddrohungen erhalten hatte.

Josef Hotwagner, der dem Österreichischen Rundfunk eine Aufzeichnung des Augenzeugenberichts einer alten Frau geschickt hatte, wurde immer wieder mit dem Hinweis vertröstet, das Dokument sei verlegt worden. Margit von Batthyány kehrte einige Jahre später sogar noch einmal nach Rechnitz zurück, als Feriengast im neu erbauten Jagdhotel der Batthyánys. Ansonsten beschäftigte sie sich auf dem Thyssen-Gestüt Erlenhof bei Bad Homburg mit der Pferdezucht.

Keine der bislang in Büchern oder Zeitschriften veröffentlichen Darstellungen zur Familien- oder Unternehmensgeschichte der Thyssens erwähnt die Ereignisse in Rechnitz oder beschreibt die Verwicklung der Familie in die Geschichte des „Dritten Reichs“ in ihrem vollen Umfang. Als ein zur Bertelsmann-Gruppe gehörender spanischer Verlag in letzter Minute verlangte, vor einer Veröffentlichung der spanischen Übersetzung meines Buches „The Thyssen Art Macabre“ (Quartet Books, London 2006), in dem ich erstmals über die Beteiligung von Margit von Batthyány am Massaker von Rechnitz berichtet habe, müssten erst alle Hinweise auf die Nationalsozialisten getilgt werden, fiel es mir schwer, nicht an eine Verschwörung zu denken. Die spanische Übersetzung ist inzwischen beim Verlag Temas de Hoy erschienen, wo man keine derartigen Forderungen stellte. Auf einen deutschen Verlag warte ich bis heute.

Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza

Margareta Thyssen-Bornemisza wurde am 22. Juni 1911 als zweites Kind von Heinrich Thyssen und dessen Frau, der ungarischen Baronesse Margareta von Bornemisza, auf Schloss Rechnitz im Burgenland geboren. Ihr Vater war einer von drei Söhnen des Mülheimer Stahlmagnaten August Thyssen, der den Familienkonzern aufgebaut hatte. Heinrich Thyssen schuf nach dem Tod des Vaters mit seinem Erbe ein eigenes Wirtschaftsimperium, das er von 1932 an aus der Schweiz leitete.

Seine Tochter Margareta, genannt Margit, erhielt ihr Geburtsschloss zum Geschenk, nachdem sie 1933 den ungarischen Grafen von Batthyány geheiratet hatte. Das Paar lebte dort nach dem Massaker vom 24. März 1945 noch bis zum Einmarsch der Roten Armee und floh dann in die Schweiz.

Trotz der 1963 erfolgten Mitteilung eines deutschen Ermittlers an das österreichische Justizministerium, dass Margit von Batthyány verdächtigt werde, den Mördern von Rechnitz bei der Flucht geholfen zu haben, wurde gegen sie nie Anklage erhoben. Sie widmete sich fortan der Zucht von Rennpferden und starb am 15. September 1989 in der Schweiz.

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