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Massaker von Rechnitz : Die Gastgeberin der Hölle

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Man zwang die Juden, sich nackt auszuziehen, bevor sie von betrunkenen Gästen des Fests ermordet wurden, die dann ins Schloss zurückkehrten, um bis zum frühen Morgen weiter zu trinken und zu tanzen. Nach Aussagen von Zeugen prahlten einige Gäste des Festes am nächsten Morgen mit den in der Nacht begangenen Greueltaten. Ein gewisser Stefan Beiglböck rühmte sich sogar, er habe mit eigener Hand sechs oder sieben Juden „erschlagen“. Die Leichen der Opfer wurden von fünfzehn jüdischen Gefangenen begraben, die man eigens zu diesem Zweck verschont hatte. Am folgenden Tag hielt man sie im Schlachthaus der Stadt gefangen, bevor Oldenburg und Podezin sie auch noch erschossen.

„Der Himmel war blutrot von den Flammen“

Kurz vor seinem eigenen Tod hatte Heini Thyssen einen großen Teil der industriellen und finanziellen Unterstützung Hitlers und des „Dritten Reichs“ durch seinen Vater eingeräumt, vermied es aber auch weiterhin, zum Massaker im Schloss seiner Schwester Stellung zu beziehen. Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft in Rechnitz - der Wirt des Gasthauses fragte uns, weshalb wir dort seien - lernten meine Mitautorin Caroline Schmitz und ich mehrere Menschen kennen, die uns Auskunft geben konnten: Söhne von Leuten, die während des Krieges im Schloss Dienst getan hatten, und Josef Hotwagner, den Historiker der Stadt, der sich entschlossen dafür einsetzt, dass dieses Massaker nicht in Vergessenheit gerät. Er selbst war 1945 erst acht Jahre alt, aber die Menschen, die dieses barbarische Verbrechen begingen, waren dieselben, die den Tod seines Vaters zu verantworten hatten: Der hatte verfolgten Familien geholfen und war deshalb 1941 wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Dachau verurteilt worden, wo er ums Leben kam.

Nach Angaben von Hotwagner erfolgte der russische Angriff auf Rechnitz in der Nacht vom 29. zum 30. März 1945 und stieß auf überraschend geringen Widerstand. Die Rote Armee überrannte die Stadt, und das Schloss ging in Flammen auf: „Der Himmel war blutrot von den Flammen.“ Zwar gab man den Russen die Schuld an dem Brand, doch Hotwagner und andere Rechnitzer Bürger glauben, dass Wehrmachtssoldaten das Schloss gemäß dem „Nero-Befehl“ in Brand gesetzt haben, um alle Beweise für das Verbrechen zu vernichten. Die Russen entdeckten jedoch schon bald, dass hier eine große Zahl von Juden ermordet worden war, und gaben ein Protokoll heraus, in dem es hieß: „Am 5. April wurde eine Reihe von Gräbern geöffnet, in denen Juden begraben lagen, die auf bestialische Weise ermordet worden waren. Insgesamt fand man einundzwanzig Gräber, jedes 4 bis 5 Meter lang und einen Meter breit. In jedem Grab liegen 10 bis 12 Personen, die durch Genickschuss mit Pistolen oder automatischen Gewehren getötet worden waren. Die Ermordeten waren stark abgemagert. Auf ihrer Haut fanden sich zahlreiche Blutergüsse und blau verfärbte Stellen. Offenbar waren sie mit Stöcken und Gummiknüppeln geschlagen worden, bevor man sie erschoss. Einheimische berichten, dass diese Menschen am 24. März ihre eigenen Gräber ausheben mussten und unmittelbar danach erschossen wurden.“

Milde Strafen

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