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Massaker von Rechnitz : Die Gastgeberin der Hölle

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Aus seiner Villa am Luganer See kontrollierte Heinrich Thyssen auch noch während der Kriegszeit seine deutschen Bergwerke und sonstigen Fabriken und versorgte das „Dritte Reich“ mit Kohle, Stahl, Lufttorpedos und U-Booten. Außerdem verschaffte er seinem engen Freund Hermann Göring und dem deutschen Geheimdienst internationale Bankverbindungen. Im August 1941 zahlte die August-Thyssen-Bank in Berlin 400.000 Reichsmark für die Erhaltung des Schlosses, das inzwischen von der SS requiriert worden war.

Das Familienunternehmen Thyssengas zahlte Margit eine großzügige Apanage und leistete einen Beitrag zu den laufenden Kosten des Schlosses, während Joachim Oldenburg, Angestellter von Thyssengas und Mitglied der NSDAP, nach Rechnitz geschickt wurde, um bei der Verwaltung des Anwesens zu helfen. Margit hatte 1933 ihre gesellschaftliche Stellung durch eine Heirat mit dem verarmten Grafen Ivan Batthyány verbessert, dessen Familie früher einmal die Stadt Rechnitz und das Schloss besessen hatte. Während die Gräfin über die gesamte Kriegszeit hinweg das Anwesen mit ihren SS-Gästen teilte, erfreute sich ihr Gatte des Geldes seiner Frau und züchtete auf den in der Nähe gelegenen ungarischen Besitzungen der Batthyánys Pferde.

Ende 1944 zwang man tausend ungarische Juden und Zigeuner, die 100.000 Zwangsarbeiter zu verstärken, die an der österreichisch-ungarischen Grenze den „Südostwall“, eine Befestigungsanlage gegen die heranrückende Rote Armee, bauten. Sechshundert Juden, die beim Bau der Befestigungen bei Rechnitz eingesetzt werden sollten, wurden in den Kellern des Schlosses untergebracht, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen lebten.

Morden, trinken, tanzen

Im Frühjahr 1945 wurde deutlich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die vorrückenden Russen das Gebiet überrennen würden, doch Margit von Batthyány war entschlossen, bis zur letzten Minute im Schloss zu bleiben. Als die Rote Armee schließlich nur noch fünfzehn Kilometer von Rechnitz entfernt war und die SS sich auf die Schlacht um Rechnitz vorbereitete, wurde am 24. März, dem Abend vor Palmsonntag, im Schloss ein Fest veranstaltet, zu dem dreißig oder vierzig Personen geladen wurden, darunter führende Persönlichkeiten der örtlichen NSDAP, der SS sowie der Gestapo und Mitglieder der Hitlerjugend. Das Fest begann um neun Uhr abends und dauerte bis in den frühen Morgen. Man tanzte, es wurde viel getrunken.

Um den Gästen eine zusätzliche Unterhaltung zu bieten, brachte man um Mitternacht zweihundert halbverhungerte, als arbeitsunfähig eingestufte Juden mit Lastwagen zum Kreuzstadel, einer vom Schloss aus zu Fuß erreichbaren Scheune. Franz Podezin, NSDAP-Ortsgruppenleiter von Rechnitz und Gestapo-Beamter, versammelte fünfzehn ältere Gäste in einem Nebenraum des Schlosses, gab Waffen und Munition an sie aus und lud die Herren ein, „ein paar Juden zu erschießen“.

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