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Der Fanatismus des IS : Es gibt keinen privaten Hass

Hauptsache es trifft: Trauernde in Orlando Bild: AFP

Zwischen Affekt und Massenmord klafft ein weiter Abgrund. Der IS überbrückt ihn, indem ihm jede Katastrophe recht ist, solange sie nur dem Westen schadet und ihn radikalisiert.

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          Als die Nachricht vom Massaker im amerikanischen Orlando sich verbreitet hatte, kam die Frage nach dem Motiv des Täters in einer seltsamen Form auf: Gefragt wurde, ob er aus Hass gegen Homosexuelle oder aus radikalislamistischen Motiven gehandelt habe. Für das eine hatte man früh die Aussage seines Vaters, der ein religiöses Motiv seines Sohnes jedoch ausschließen wollte. Auf das andere gab es den Hinweis, er sei dem FBI als Sympathisant eines Dschihadisten bekannt, und er habe dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) kurz vor dem Massenmord in einem Anruf bei der Polizei die Treue geschworen.

          Seltsam war die Frage, weil bekannt ist, wie die Anhänger des sogenannten „Islamischen Staats“ nicht nur über Homosexuelle denken, sondern auch, was sie mit ihnen machen, wenn sie ihrer habhaft werden. In vielen islamisch geprägten Staaten steht Homosexualität, die im traditionellen Islam jahrhundertelang kein Stein des juristischen Anstoßes war, unter Strafe bis hin zu lebenslanger Haft; in sieben – Iran, Jemen, Nigeria, Mauretanien, Saudi-Arabien, Sudan, Vereinigte Emirate – ist sie sogar mit der Todesstrafe belegt.

          Von einem persönlichen Hass des Mörders auf Homosexuelle zu sprechen unterschätzt darum das Problem. Hass auf Gruppen ist selten rein persönlich; er kommt jedenfalls nicht ohne Weltbilder aus. Der Vater des Täters hatte von einem früheren Zornesausbruch seines Sohnes über ein sich öffentlich küssendes Männerpaar berichtet. Das macht die Weite des Abgrunds zwischen Affekt und Massenmord deutlich, den eine von fundamentalistischen Aspekten freigehaltene Motivkonstruktion überbrücken müsste.

          Nichts soll Privatsache sein

          Im Zusammenhang mit dem IS ist es ohnehin schwierig, zwischen religiösen, politischen und moralischen Motiven der Verachtung für Lebensstile jeweils eine Alternative zu sehen. Schließt doch die Sehweise des Fanatismus solche Differenzierungen gerade aus. Right or wrong, my country, sagt der nationalistische Fanatiker, und genauso verhält sich der religiöse zu Recht und Unrecht. Er ist immer im Recht, weil es sich ja um die höchsten Dinge handelt, in deren Namen er agiert. Also kann er auf Unterscheidungen wie „geht dich etwas an“ und „betrifft dich nicht“ keine Rücksicht nehmen, und zwar nicht nur, weil solche Unterscheidungen dem Fanatiker nichts sagen, sondern weil er sie geradezu für das zu Bekämpfende hält.

          Religion soll auf jedwedes gesellschaftliche Handeln durchgreifen und es mit ihren Erwartungen überziehen können, ganz gleich, ob es sich um Schulen, Universitäten, Medien, Parlamente, Gerichte oder das Freizeitverhalten der Leute handelt – nichts soll Privatsache sein. Der Sinn der Säkularisierung, religiöse Entscheidungen nicht mehr kollektiv verpflichtend zu machen und Religion nicht als allgemeines Moralschema anderen aufzudrängen, erreicht den Fanatiker nicht.

          Nach dem Massaker von Orlando : Amerika trauert

          Ebenso verrückt wie ziellos und unpolitisch

          Umgekehrt adelt sich das gewaltbereite Ressentiment, die Wut gegen das, was dann als „der Westen“ bezeichnet wird, unter Zuhilfenahme von Religion selbst. Man ist dann nicht nur eine mit Hass angefüllte Privatperson, sondern ein Kämpfer. Entsprechend lässt sich der erste Satz des vorigen Absatzes auch umdrehen: Wer auf alles soziale Verhalten gewalttätig durchgreifen möchte, um es seinen Erwartungen anzupassen, wird gar nicht umhinkommen, seine Begründung dafür religiös vorzutragen.

          Der in London lehrende Politologe Peter Neumann hat darauf hingewiesen, dass der IS ganz in diesem Sinne sich auch gar keiner besonderen Feinderklärungen unterhalb des Angriffs auf „Ungläubige“ bedient. Jedwedes Attentat ist nach dieser Logik gutzuheißen, da es ja stets „Ungläubige“ trifft, ganz gleich, ob sie sich nun in Nachtclubs, Fußballstadien, Konzerthallen, Bürogebäuden, Hotelanlagen, Restaurants oder Bahnhöfen aufhalten. Dem IS, so Neumann, sei es recht, wenn es irgendwelche besonderen Gruppen treffe, aber es komme ihm gar nicht darauf an. Das klingt ebenso verrückt wie ziellos und unpolitisch. Handelt es sich um die Variante jener blinden Zerstörungslogik, wie sie Joseph Conrad 1907 in seinem Roman „Der Geheimagent“ schilderte? Dort wollen die Anarchisten durch einen Bombenanschlag auf das Observatorium von Greenwich, den ersten Meridian, demonstrieren, dass es ihnen nicht um bestimmte Ziele geht, sondern dass die bürgerliche Gesellschaft als Ganze in die Luft gejagt werden soll.

          Tatsächlich darf man sich den IS nicht unpolitisch vorstellen. Wer von einer gesellschaftlichen Endschlacht zwischen dem Guten und dem Bösen träumt, muss zuvor dafür sorgen, dass die Gesellschaft selbst von allen als zweigeteilt wahrgenommen wird. Die Unterscheidung der Ungläubigen von den Rechtgläubigen setzt voraus, dass es dazwischen keine Mehrheit von mal Recht-, mal Ungläubigen, Gleichgültigen, Skeptischen, Toleranten, Unentschiedenen gibt, gewissermaßen keine religiöse, moralische und politische Mittelschicht.

          Das war einst schon die Absicht des linken Terrorismus, der den Kampf der Peripherien in die Metropolen tragen wollte, um den Lauen in nächster Nähe zu zeigen, wie unerträglich der Kapitalismus sei. Dem IS schwebt ein vergleichbares Radikalisierungs-Szenario vor. Unbesonnene Reaktionen sollen Muslimen, die im Westen leben, zeigen, dass kein Segen auf einem Leben außerhalb des Fanatismus liegt. Muslime sollen sich eben jederzeit in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, als Muslime empfinden, weil sie so auch wahrgenommen werden. Dem IS ist, mit anderen Worten, vor allem an Islamophobie gelegen. Insofern verrichten Reflexe wie diejenigen Donald Trumps – „dies ist erst der Anfang“ – seine Arbeit. Apokalyptiker hassen nichts mehr als Indifferenz und Rücksicht, Mitleid, Zweifel und Freiheit im sozialen Umgang. Jede ihrer Schreckenstaten enthält die Aufforderung, in diesen Dingen das Zentrum unserer Lebensform zu sehen.

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