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Massaker an Armeniern : Das doppelte Fieber

  • -Aktualisiert am

Kranzniederlegung an der Genozid-Gedenkstätte in Eriwan Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Völkermord an den Armeniern in Istanbul liegt nun fast 90 Jahre zurück. Anläßlich des Schreckensjahrestages ist die „armenische Frage“ aktueller denn je - und das nicht nur für die Türken.

          Als sich Franz Werfel Anfang Januar 1933 auf die Lesereise für seinen soeben erschienenen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ machte, in dem er „das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen“ suchte, mag er schon geahnt haben, daß es für einen Vorleser wie ihn in Deutschland bald keinen Platz mehr geben würde.

          Schließlich hatte Hitler den türkischen Völkermord an den Armeniern, bei dem in den Jahren 1915 und 1916 mehr als eine Million Menschen auf grauenhafte Weise umgebracht wurden, sowie die relative Tatenlosigkeit sowohl des deutschen Verbündeten als auch der Alliierten bereits in den zwanziger Jahren als Ermunterung zu einer radikalen Politik gegenüber den Juden aufgefaßt. Wenn diese eines Tages aus dem Deutschen Reich verschwunden sein sollten, so Hitler, würde auch dies bald in Vergessenheit geraten.

          Kollektive mündliche Erinnerung

          Aber es wurde nicht vergessen, was Hitler den Juden antun ließ, und es wurde auch nicht vergessen, daß der Euphrat einen Strom armenischer Leichen mit sich führte, daß junge, gebildete armenische Frauen Selbstmord begingen, wenn türkische Soldaten ihnen die Rettung vor der sicheren Vernichtung versprachen, wenn sie nur in eine Hochzeit einwilligen würden. So ist das Schicksal der Armenier heute ein zentraler Punkt, der über die Zugehörigkeit der Türkei zur Europäischen Union mit entscheidet.

          Denn die Türken selbst, als Nachbarn, die mit Armeniern Tür an Tür lebten, haben in der dritten oder vierten Generation bis heute ebensowenig vergessen. Es gibt auch neunzig Jahre nach Beginn des Genozids eine kollektive mündliche Erinnerung unter den Türken, die im Gegensatz zur Staatsideologie vom Mitleiden geprägt ist.

          Ethnisch-homogenes Staatsvolk

          In abgelegenen Gegenden Anatoliens konnte man schließlich in den fünfziger Jahren noch Höhlen voller Menschenknochen finden - Überreste des ersten Genozids im zwanzigsten Jahrhundert, dessen Motive nur aus der „nationalen Modernisierung“ des Osmanischen Reichs unter den Jungtürken zu verstehen sind. Eine Reaktion auf das Versagen eines Vielvölkerreiches, in dem Volkszugehörigkeit und Religion darüber entschieden, welche Rechte und Lasten einer Person zukamen.

          Die abgestufte Ungleichheit und Rechtlosigkeit der Nicht-Türken sollte nach den Vorstellungen der Jungtürken, die zunächst mit Armeniern und Griechen gegen den Sultan verbündet waren, gar nicht mehr zum Tragen kommen. Die moderne Türkei war ihnen nur vorstellbar als ein möglichst ethnisch-homogenes Staatsvolk der Türken. und es dauerte nicht lange, da galten alle Nicht-Türken im Land als Feinde.

          Religiösen Überhöhung der Nationen

          Daß Vernichtung und Vergessen nicht dasselbe geworden sind, hat nicht nur mit der militärischen Niederlage Deutschlands im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu tun. Vielmehr ging mit dem Kriegsende von 1945 eine Epoche des Nationalismus zu Ende - in den Siegerstaaten so gut wie im besiegten Deutschland. Der Haß, aber auch alle nationalistischen Utopien waren ausgebrannt, auch wenn es noch ein langes Nachglühen gab.

          Das politische Europa, das sich nach dem Weltkrieg entwickelte, war die Antwort auf eine Politik der Vernichtung, die Europa in Gedanken und Taten seit der Französischen Revolution beherrschte. Und es ist die Abkehr von der religiösen Überhöhung der Nationen und der Feindbesessenheit als des Mediums innerweltlicher Erlösung. Wenn die Türkei das nicht begreift, muß ihr der Weg in dieses Europa verschlossen bleiben. Die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen mit ihren Artikeln zur Prävention und Sanktion von Völkermord bewahrt dieses Gedächtnis. Und Raphael Lemkin, der Initiator der Genozidartikel, bezog sich neben der Holocaust-Erfahrung ausdrücklich auf den Völkermord an den Armeniern.

          Stolz vs. Menschenrechte

          Daran muß erinnert werden, wenn heute und morgen an vielen Orten der Welt Gedenkveranstaltungen zum neunzigsten Jahrestag des Genozids an den Armeniern stattfinden. Dieses Erinnern ist keine zeitgeschichtliche Mode, keine einfühlende Hysterie, sondern die Grundlage, das moralische Ordnungsprinzip und zugleich das Interessenvehikel unserer politischen Welt.

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