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Protestantismus im Gropius-Bau : Jerusalem war eine koreanische Festung

Das Deutsche Historische Museum erzählt im Berliner Martin-Gropius-Bau eine globale Geschichte des Protestantismus. Die Ausstellung hat einen konzeptionellen Haken.

          Das Exponat liegt neben anderen Druckwerken in einer Vitrine im Innenhof des Martin-Gropius-Baus in Berlin, und es ist so klein, dass man es fast übersieht. „An den Christlichen Adel deutscher Nation“ heißt die Schrift, mit der sich der Augustinermönch Luther im August 1520 an die Fürsten des Heiligen Römischen Reiches wendet. In ihr kündigt er den Konsens des Mittelalters auf: den Vorrang der geistlichen vor der weltlichen Gewalt, die Mittlerrolle der Kirche, die Priesterweihe. Wir alle, schreibt er, seien durch die Taufe zu Priestern geweiht. Jeder Geistliche, auch der Papst, unterstehe der weltlichen Justiz. Das kleine Heft hat Broschürenformat; in heutiger Type füllt der Text keine zehn Seiten. Seine Wirkung jedoch geht in Wellen aus Feuer, Blut und bedrucktem Papier durch die letzten fünfhundert Jahre menschlicher Geschichte, und der Konflikt, den Luther mit einem Gewaltstreich löst, das Verhältnis zwischen Staat und Religion, beschäftigt uns immer noch.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Viel größer, geradezu monumental, ist dagegen das Objekt, das ungefähr die Hälfte des Hallenbodens im Gropius-Bau bedeckt und über eine zweigeteilte Gangway aus Plexiglasplatten beschritten werden kann. „Übergang“ hat der Künstler Hans Peter Kuhn seine Installation genannt, die „die vertikalen Barrieren des Katholizismus“ und „die horizontalen Grenzen“ des protestantischen Glaubens versinnbildlichen soll. Was man sieht, ist ein Konstrukt aus vier hellen Leichtmetallgittern, die sich fächerförmig nach oben und zur Seite biegen. Der Effekt, kein Zweifel, ist gewaltig, seine Botschaft aber bleibt diffus.

          Ein religionsgeschichtliches Kriterium

          Zwischen diesen beiden Extremen, zwischen dem Winzigen und dem Riesigen, dem Geschichtsmächtigen und dem Diffusen ist das Panorama der Ausstellung über den „Luther-Effekt“ aufgespannt, mit der das Deutsche Historische Museum im GropiusBau das diesjährige Reformationsjubiläum begeht. Die Kuratoren hatten die Wahl, die Auswirkungen von Luthers Glaubensreform in Einzelbeispielen oder anhand von größeren geschichtlichen Prozessen wie dem Dreißigjährigen Krieg, der Aufklärung, der Industrialisierung oder dem Kolonialismus darzustellen. Sie haben sich für die Einzelbeispiele entschieden. Das erspart ihnen die Mühe, den Anteil des Protestantismus an der Geistes- und Ereignisgeschichte jeweils erst herauszuarbeiten. Es stellt die Ausstellung aber auch vor ein Problem, das alle Überblicksschauen haben. Die Aneinanderreihung verschiedener Aspekte eines Themas ergibt oft kein Gesamtbild. Wo aber kein gemeinsames Bild entsteht, hängt auch jeder Einzelaspekt in der Luft.

          Die Fallbeispiele der Kuratoren für den „Luther-Effekt“ sind Schweden, die Vereinigten Staaten, Südkorea und Tansania. Das Kriterium für diese Auswahl war offenbar kein geographisches, sondern ein religionsgeschichtliches. Schweden bildete zwei Jahrhunderte lang das europäische Bollwerk der Reformation. Die ehemalige deutsche Kolonie Tansania hat heute die nach Deutschland zweitgrößte lutherische Kirche der Welt mit sieben Millionen Mitgliedern. Korea und Nordamerika wiederum wurden von Evangelikalen, Reformierten und anderen Neuprotestanten missioniert beziehungsweise besiedelt.

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