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Fastnacht und Flüchtlinge : An der Obergrenze

Mit Kleber und Latex: Der Stoiber-Söder oder Söder-Stoiber in Nahaufnahme Bild: dpa

Söder ist Stoiber, Seehofer ist halb giftig, die Bayern sind fast schon Orientalen: Ein Besuch beim Heimatminister, mit ihm in der fränkischen Fastnacht – und ein Blick auf die Flüchtlinge auf dem Nürnberger Hauptbahnhof.

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          Die CSU und Markus Söder? Das sind diese Partei und dieser Mann, die mit Parolen wie mit scharfen Messern drohen. Dann immer, wenn es um die Fremden geht in Deutschland, damit dieses Wir-schaffen-das abhaut, verschwindet, Angst bekommt. So denkt man in Berlin, so denkt man da als Ausländer, zumindest habe ich – Ausländer in Berlin – es so gedacht.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die harte, echte Söder- und CSU-Realität sieht aber erstmal anders aus. Brutal auf eine andere Weise: Cowboys und Indianer, zwei sexy Teufelinnen, Piraten, Zauberer und Hexen. Sie sitzen an zu langen Bänken, zwischen ihnen andere, bekleidet mit Pailletten-Hemden, -Hosen. Und dann noch dieser Haufen Rot-Anzüge: die Big Band.

          Sie spielt „Am Rosenmontag bin ich geboren“. Das Bösewichter-und-Pailletten-Menschen-Meer bewegt sich dazu im Takt. Fastnacht in Franken, heißt der Abend, heißt eine Wahrheit über diese CSU, vielleicht auch eine über Markus Söder.

          Vor dieser bunten, leuchtenden, sehr dick geschminkten Wahrheit sehe ich zuerst die deutsche, ungeschminkt: Tage zuvor am Hauptbahnhof in Nürnberg. Sehr viele Flüchtlinge. Graumüde und verlorene Gesichter, die zwar erwachsen genug sind, nicht mehr bevormundet zu werden, und doch Bevormundung bekommen. Bahnangestellte führen sie wie Kinder durch die Züge.

          Und die Bahnangestellten-Köpfe, auch sie tragen die gleichen verlorenen und hilfesuchenden Gesichter. Es fehlen Sprachen, fehlen Worte. Das ist das Germany im Jetzt: Deutsche und Fremde in Hilflosigkeit und Überforderung verbunden.

          Bunt wie eine bayerische Wiese

          Um diese einen, diese anderen geht es dann in dem Heimatministerium. Markus Söder, bayrischer Staatsminister für Finanzen, Landesentwicklung und die Heimat, sitzt in seinem polit-egalhaft-eingerichteten Büro und redet über dieses I-Wort, mit dem sich jetzt die Deutschen so bewerfen: die Integration. „Natürlich ist eine Gesellschaft kein englischer, perfekter Rasen – alles nach Maß geschnitten. Unser Land sollte mehr wie eine bayerische, bunte Wiese sein. Vielfalt statt Einfalt – große Blumen, kleine Blumen, Sträucher und Bäume“, sagt er und mein ausländisches, sentimentales Herz, das Blüten liebt, in echt und in der Sprache, fühlt sich vertraut in diesen ausgemalten Worten.

          Und weil der Mann vor mir die Integration nicht als Assimilation beschreiben will, verbiegen und verwirren sich alle Ausländer-in-Berlin-Gedanken. Vielleicht werden ja immer wieder die guten, weichen Söder-Sätze auf dem Weg nach Berlin, den vielen hundert Kilometern, gefressen wie Benzin, so dass nur wenige und harte Worte es schaffen anzukommen.

          Die wenigen und harten Worte, sie werden aber auch schon hier getankt: „Viele Menschen wollen natürlich auch aus einem wirtschaftlichen Grund zu uns: kein anderes Land gibt mehr an sozialer und finanzieller Unterstützung.“ Oder „Die Toleranz in Deutschland darf nicht zu einer Toleranz gegenüber Intoleranz werden.“

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