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Markus Lüpertz : Welche Welt will dieser Fürst regieren?

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Während Werner also den Weg in die Zukunft ebnet, ist es Werner Hofmann, der Lüpertz eine riesige Rampe in die Geschichte baut. 1977 stellt er ihn in der Kunsthalle Hamburg aus und veröffentlich dazu einen umfangreichen Katalogtext, in dem Lüpertz' Motive kunsthistorisch zurückbuchstabiert werden, er erhält nun eine monumentale Ahnenreihe. Es ist die zweite Falle, und diesmal schnappt sie zu.

Vom Kommentieren der Kunst

Lüpertz gerät von nun an unter Wiederholungszwang. Wie bei den meisten deutschen Malern waren seine Stahlhelm-Bilder eigentlich vor allem ein Kommentar, ein gut gemachter sogar, die mehrdeutige Komik der wuchernden Militärattribute ging ein wenig unter, obwohl sie Lüpertz zusammen mit Gugelhupf-Stillleben ausstellte. Man braucht aber nur den Blick nach England zu richten, um zu sehen, warum das Kommentieren in der Kunst für viele deutsche Maler zu einem Teufelskreis geworden ist. Während sich in England Maler wie Bridget Riley oder David Hockney mit der Frage auseinandersetzen, warum man im zwanzigsten Jahrhundert, trotz Kino, Fernsehen, Fotografie, Farbillustrierter und hausgroßen Werbetafeln, noch malen sollte, was also die Rolle der Malerei sein kann, wenn die visuellen Konkurrenzmedien derart mächtig geworden sind - malt Lüpertz weiter Kommentare zur Kunstgeschichte.

Leinwand um Leinwand produziert er Bilder nach Picasso, nach Corot, nach Courbet, nach Monet, nach Marées. Er holt sich die Motive aus der Kunstgeschichte, Goyas „Erschießung der Aufständischen“ von 1814 etwa, die Manet und später Picasso nachmalten. Er tunkt es in wilde Pinselstriche, aber in seiner Auffassung von Malerei gleicht er jemandem, der im Wald ein Transistorradio findet und sich daran- macht, mimetisch die Form nachzubilden, die Knöpfe, Tasten, Schalter und Anzeigen, ohne je auch nur einen Blick auf das Innenleben zu werfen. Lüpertz spielt Kunstgeschichte nach: den Malerfürst, das Künstlergenie, die große Geste, dazu Auftritte mit Spazierstock und Gamaschen.

Das verlorene Königreich

So wenig aber Gegenstände, die nur wie Radios aussehen, automatisch Musik spielen, so wenig machen Verkleidung und Großformate Lüpertz zum Malerfürsten. Mit Blick auf die Geschichte mag man es unsympathisch finden, dass sich Künstler als Genies feiern ließen, sich mehr Bescheidenheit, weniger Hochmut wünschen, aber eines war ihr Auftritt eben mit Sicherheit nicht: eine bloße Behauptung. Ein Michelangelo oder Raffael, ein Caravaggio oder eine Artemisia Gentileschi waren in ihrer Zeit tatsächlich in der Lage, die eindrucksvollsten, farbgewaltigsten und dauerhaftesten Bildspektakel zu schaffen. Sie alle waren Fürsten, denn die Maler waren konkurrenzlos, es gab niemanden, der Vergleichbares konnte.

Dieses unangefochtene Königreich ging aber verloren. Durch das gesamte neunzehnte Jahrhundert kann man beobachten, wie sich die Kunst streckt, die aufkeimende Konkurrenz beäugt, darauf reagiert, antwortet, sich wandelt. Es kommen Fotoapparat, Kamera, Kino. Die Kunst eroberte sich neue Felder. Was es jedenfalls heißt, Maler zu sein, muss 1970 anders beantwortet werden als 1570. Lüpertz' Auseinandersetzung mit den veränderten Bedingungen bestand als Akademierektor darin, der von Bernd und Hilla Becher geleiteten Fotografieklasse das Leben schwer zu machen. Im Jahr 2008 kam es zum Eklat, als der Fotograf Andreas Gursky das fürstliche Treiben von Lüpertz als „Trauerspiel“ bezeichnete.

Das Zepter schlug den Malern nicht die Gesellschaft, die deutsche Geschichte oder ein boshaftes Kunstsystem aus der Hand. Sie wurden einfach nur in eine andere Zeit geboren, und die besten von ihnen finden auch heute hervorragende Antworten darauf, warum wir die Malerei brauchen. Warum wir zum Beispiel eine Landschaft mit David Hockneys Augen sehen sollten oder von Bridget Riley lernen können, was Sehen bedeutet, welche Tricks uns die Wahrnehmung spielt und warum die Dinge nicht sind, was sie scheinen.

Die exemplarische Tragödie des westdeutschen Künstlers besteht aber darin, überall eine Autorität zu vermuten, jemanden, der einem etwas verbietet, und dagegen zu revoltieren. Darum werden deutsche Motive ausgestellt: mit der Behauptung, dass dies ein Tabu sei. Es wird figurativ gemalt mit der Behauptung, dass dies ja heute verboten sei; man nennt sich Künstlerfürst mit der Behauptung, dass unsere Zeit Größe provoziere. Weil es aber in Wirklichkeit gar niemanden gibt, der all das dem deutschen Künstler verbietet, verwandeln sich die kunsthistorischen Zitate in Trödel und die Geniepose in ein Faschingskostüm.

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