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Marius Müller-Westernhagen : Wir glaubten, ohne Musik nicht leben zu können

Marius Müller-Westernhagen Anfang Oktober in Berlin Bild: Daniel Pilar

Der Vater ein Schauspieler, der seine Rollen nicht mehr ablegen konnte. Musikalische Vorbilder, deren Werte nichts mit Geld zu tun haben konnten. Marius Müller-Westernhagen über seine Helden.

          3 Min.

          Herr Müller-Westernhagen, gab es in Ihrer frühen Jugend Helden, die sie inspiriert haben?

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Insoweit es zu tun hat mit meinem Beruf hatte ich Vorbilder, durch die ich sozialisiert bin und denen ich nachgestrebt habe. Das waren zu der Zeit Musiker mit Texten, die mich berührt haben. Es waren Leute, die fähig waren zu artikulieren, was man selbst fühlte, aber nicht artikulieren konnte. Popmusik hatte damals eine gesellschaftliche und politische Dimension. Es war eine Generation, die klare Widerstände hatte. Sie wollten alles werden – nur nicht so werden wie ihre Eltern. Das war eine Generation, für die noch kein Markt erfunden war. Deshalb waren sie auch noch nicht der ständigen Gehirnwäsche und dem ständigen Marketing unterworfen, wie man auszusehen hat, was man zu kaufen hat. Das gab es nicht. Aber es gab Leute, die ich verehrt habe.

          Wir glaubten, ohne Musik nicht leben zu können. Musik wurde geliebt. Heute wird Musik konsumiert. Die Werte dieser Generation konnten nichts mit Geld zu tun haben, weil es das noch nicht in dem Ausmaß gab. Man hat sich damals nie vorgestellt, dass man damit Geld verdienen würde oder an ein Studio herankommt, um darin aufzunehmen. Wir hatten noch nicht einmal das Selbstbewusstsein, selbst etwas zu schreiben. Wir haben querbeet alles nachgespielt, das wir toll fanden.

          Ihr Vater Hans Müller-Westernhagen hatte als Schauspieler ebenfalls schon eine Präsenz. War er für Sie ein Held?

          So wie ein Vater ein Held ist. Er ist leider, als ich 14 war, gestorben. Ich habe ihn ständig krank erlebt – durch das Erlebnis des Krieges als junger Mann. Dadurch hatte ich nie das Bild des starken Mannes, der alles beschützt. Ich habe ihn auf der Bühne in Ionescos „Nashörnern“ gesehen. Da war er unfassbar. Eines aber habe ich daraus gelernt: Er konnte seine Rollen nicht ablegen. Das muss man können, um das zu überleben. Man muss ständig reflektieren. Was stellst du her? Was machst du? Was willst du? Dabei muss man seine Wertvorstellungen behalten, was nicht einfach ist, wenn dann so viel Geld fließt und so viel Erfolg kommt.

          Die meisten Leute verwechseln das Bild in der Öffentlichkeit von dir mit der Realität. Ich bin oft gefragt worden, ob das, was ich auf der Bühne mache, auch Schauspielerei ist. Ich würde sagen: Ja. Dabei ist aber Schauspielerei das falsche Wort. Richtig gute Schauspieler haben die Fähigkeit, Dinge jeden Abend immer wieder zu erleben und zu durchleben – auch wenn sie immer das gleiche spielen. Jungen Künstlern sage ich, ihr müsst da hingehen, wo es wehtut. Ihr müsst keine Show machen, sondern bei euch bleiben. Ihr müsst empfinden. Das macht einen Auftritt so anstrengend, weil man dann Substanz von sich abgeben muss. In der Rockmusik war das so. Das hat sich aber heute verflüchtigt. Wenn du auch zwei Wochen später noch ein Konzert oder einen Film spürst, denn prägen sie dein Leben.

          Sie denken viel konzeptionell und auch politisch. Als die rot-grüne Bundesregierung ihre Arbeit aufnahm, zählten sie zu einem Kreis befreundeter Intellektueller. Gibt es für Sie politische Helden?

          Ja, die gibt es. Ich bewundere alle Leute, die eine gewaltfreie Revolution durchgestanden und eine solche Philosophie entwickelt haben. Nelson Mandela zum Beispiel halte ich für einen wahnsinnig großen Freiheitskämpfer, aber nicht so einen guten Politiker.

          Sie haben ja viel Zeit in Südafrika verbracht.

          Aus meiner Sicht war der beste Präsident Thabo Mbeki. Mandela hätte mit all der Unterstützung, die er für Schwarze in Südafrika überall auf der Welt erfahren hat, viel mehr erreichen können. Er hätte viel radikaler sein können, das hat er verstreichen lassen. Die Philosophie des Verzeihens aber, damit erreicht ein Mensch Größe. Das beinhaltet nicht Vergessen, sondern Großmut zu zeigen. Genauso ist es leicht, geliebt zu werden, aber lieben ist viel schwieriger.

          War Gerhard Schröder ein Held für Sie? Er hat in der Not den Sozialstaatskonsens aufgekündigt gegen alle Widerstände.

          Da hat er Heldenhaftes geleistet. Ich glaube auch, dass er in der Nachbetrachtung ein wirklich guter Bundeskanzler war. Dass jemand in so einem Amt Fehler macht und der Fokus auch auf ihnen liegt, ist weltweit zu beobachten. Auch Obama muss das hinnehmen. Aber dass jemand den Mut hatte, dieses Thema anzufassen, war wichtig.

          „Der Fehler ist, dass keiner darauf vorbereitet war“: Marius Müller-Westernhagen über die Flüchtlingskrise.
          „Der Fehler ist, dass keiner darauf vorbereitet war“: Marius Müller-Westernhagen über die Flüchtlingskrise. : Bild: Daniel Pilar

          Schon zu Adenauers Zeiten dienten Rentenversprechen immer auch dazu, Wahlen zu gewinnen. Man wusste schon damals, dass der Sozialstaat so nicht funktionieren kann. Alle haben es unter den Tisch gekehrt. Schröder hat in Kauf genommen, die Wahl zu verlieren, indem er unpopuläre Themen angefasst hat. Dafür kann man ihm dankbar sein. Die Regierung Merkel hat sehr davon profitiert.

          Hat sie jetzt ihren Helden-Moment, indem sie eine Flüchtlingspolitik durchsetzt, für die sie keine Mehrheit hat.

          Absolut. Ich bin kein großer Merkel-Fan, erkenne aber an, dass sie außenpolitisch viel erreicht hat. Innenpolitisch hat sie eher wie Kohl regiert, indem sie Sachen aussitzt. Aber was sie in der Flüchtlingspolitik gemacht hat, finde ich vollkommen richtig. Das ist auch nicht der Grund für das Chaos, das entstanden ist. Dass man Menschliches immer über politisches Kalkül stellen sollte, steht für mich außer Frage. Das hat sie gemacht.

          „Schröder hat in Kauf genommen, die Wahl zu verlieren, indem er unpopuläre Themen angefasst hat. Dafür kann man ihm dankbar sein.“
          „Schröder hat in Kauf genommen, die Wahl zu verlieren, indem er unpopuläre Themen angefasst hat. Dafür kann man ihm dankbar sein.“ : Bild: Daniel Pilar

          Schief gelaufen ist aus meiner Sicht, dass dieses Problem schon seit Jahren erkennbar war zum Beispiel in Italien, aber man unterschätzt hat, dass es so explodieren kann. Der Fehler ist, dass keiner darauf vorbereitet war. Es gab nicht die Einrichtungen, um die Flüchtlinge aufzunehmen und zu registrieren. Das ist ein Zustand, der nicht ungefährlich ist, wenn man Hunderttausende Menschen im Land hat, die nicht registriert sind. Das ist ein Pulverfass. Aber das kreide ich nicht Merkel an - eher dass sie nicht die Voraussetzungen geschaffen hat, um diese Flüchtlinge aufnehmen zu können.

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