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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

Herfried Münkler: Was wir in dem Buch beschreiben, sind die Gelingensbedingungen von Integration. Die können Sie nicht kritisieren, indem Sie die Realität dagegenstellen. Wir schließen ja auch zu keinem Zeitpunkt aus, dass das, was wir skizzieren, scheitern kann. Entweder weil es zu teuer ist, diese Prozesse der Integration auf sich zu nehmen, oder weil große Teile der Bevölkerung das nicht mittragen wollen. Es ist ein hochkomplizierter Prozess, der ein Stück weit ganz prima laufen kann, und dann kommt es zu einem Kipppunkt wie der Silvesternacht in Köln. Oder jetzt die Attentate von Würzburg und Ansbach. Das haben wir durchaus im Auge. Aber für unsere Überlegung war nicht zentral, die Wirklichkeit mit all ihren Verästelungen einzufangen, sondern die Bedingungen zu benennen, unter denen die Gesellschaft sich weiterentwickeln kann. Wir sagen, es ist furchtbar schwierig, aber wir müssen es trotzdem versuchen.

Sie äußern an mehreren Stellen Skepsis gegenüber Versuchen, Integration durch Verordnungen zu erzwingen. Aber kann Verbindlichkeit nicht auch hilfreich sein, nicht nur für Mädchen, die ihre eigenen Bildungswünsche allein gar nicht durchsetzen könnten?

Herfried Münkler: Natürlich. Diese Verbindlichkeit würden wir nie in Frage stellen.

Marina Münkler: Ich bin eine katholische Arbeitertochter vom Lande mit bäuerlichem Hintergrund. Früher hat man gespöttelt: das Schlimmste, was ein Mädchen werden kann. Meine Eltern hatten nie die Idee, ich könnte Abitur machen. In meiner Generation gibt es viele, denen es so ging und die es trotzdem geschafft haben, sich aus ihrem Milieu herauszuarbeiten. Warum hat es eigentlich da geklappt? Weil ein typisch bundesrepublikanischer Aufstiegswille mit einer darauf zugeschnittenen Bildungspolitik zusammentraf. Bafög war für mich ein entscheidender Schritt in die Selbständigkeit. Was aber jetzt in den Schulen läuft, sozusagen die zweite Welle der sozialdemokratischen Bildungspolitik, ist unterirdisch. Die Art und Weise, wie man glaubt, Kinder beschulen zu können, die keine optimalen Voraussetzungen haben, indem man auf eigenständiges Arbeiten, Selbstorganisation und so weiter setzt, ist naiv und kontraproduktiv. Das alles setzt voraus, dass man zu Hause einen Bildungshintergrund hat, der in der Lage ist, das Durcheinander, das dabei entsteht, zusammenzufegen. Migrantenkinder haben diesen Hintergrund nicht.

Wir verstehen „Die neuen Deutschen“ als Ermutigung, bei der Zweckoptimismus natürlich nicht fehlen darf. Aber schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, wenn Sie das helle neue Deutschland mit der Verheißung einer besseren Menschheit verknüpfen? Sie tun das beispielsweise mit dem Begriff des „neuen Menschen“, der in Ihrem Buch fällt, eine Leitvokabel von Sozialingenieuren aller Zeiten. Auch schreiben Sie der Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen „Jungbrunnens“ zu. Mit der zentralen Analogie Ihres Buches, nämlich Blaise Pascals Wette auf die Existenz Gottes, ist dann endgültig der Ausgriff ins Metaphysische getan, die Suggestion geschaffen, dass es um Heil oder Unheil, um alles oder nichts geht. Wäre es nicht auch ein, zwei Nummern kleiner gegangen?

Marina Münkler: Nein. Wenn die Aufgabe groß ist, und sie ist groß, dann darf man nicht verzagt antworten.

Analyse und Utopie

In ihrem Buch „Die neuen Deutschen“, das am heutigen Freitag erscheint, reagieren Herfried und Marina Münkler auf die Veränderungen, die mit der Migration für unser Land absehbar sind. Den Autoren geht es im Genre der Sozialutopie um eine Erzählung zur Flüchtlingspolitik, die zugleich politische Analyse ist. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, verfasste viel beachtete Bücher wie „Die neuen Kriege“, „Imperien“, „Die Deutschen und ihre Mythen“ oder „Der Große Krieg“. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Marina Münkler ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Dresden, an der sie den Lehrstuhl für Ältere und frühneuzeitliche Literatur und Kultur am Institut für Germanistik bekleidet. In ihren Veröffentlichungen hat sie sich vielfältig mit der „Erfahrung des Fremden“ befasst, so der Titel ihrer Studie über die Beschreibung Ostasiens in mittelalterlichen Augenzeugenberichten. Das Thema prägt etwa auch ihre Biographie über Marco Polo. Marina Münkler sammelte früh praktische Erfahrungen in der Arbeit mit Migranten, als sie für Zuzügler Volkshochschulkurse gab. Daher kenne sie die Gefahr der Resignation auf diesem Feld, sagt sie im Interview und empfiehlt das Buch „Teacher Man“ von Frank McCourt, das über den Unterricht in ethnisch extrem gemischten Klassen berichtet.

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