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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

Sie schreiben, dass Integration in Klein- und Mittelstädten besser gelingt als in Metropolen. Wie passt der Fall des grünen Tübinger Oberbürgermeisters, der sich im vergangenen Herbst gegen die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel gestellt hat, zu Ihrer These?

Herfried Münkler: Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Integration und Assimilation von Migranten in Baden-Württemberg und Teilen Bayerns in der Vergangenheit relativ gut funktioniert hat. Aber auch dort ist natürlich irgendwann eine Kapazitätsgrenze erreicht. Von daher wäre es optimal, wenn man Verteilungsmechanismen hätte, die genau festlegen, wer wohin kommt. Das wäre gewissermaßen das Utopia der effektiven Integration. Real ist aber, dass die Leute gucken, wo sind meine Pioniermigranten, mit denen ich mich verständigen kann, und dann ballen sie sich zusammen. Eigentlich sind die Kleinstädte und Dörfer fremdenavers. Aber interessanterweise funktionieren sie sehr viel besser im Hinblick auf Integration, weil die Reibungsflächen sehr viel größer sind als in Teilen von Berlin oder Gelsenkirchen oder etwa Köln oder wo auch immer, wo die Migranten tatsächlich unter sich bleiben können. Als wir in Friedberg in einer Wohngemeinschaft zusammengewohnt haben, da haben wir die Erfahrung gemacht, dass der türkische Obst- und Gemüsehändler in der Judengasse – da traf alles zusammen, was zur deutschen Geschichte gehört – ein fleißiger Mann war und das bessere Obst hatte, weil er morgens früher aufgestanden ist. Das ist ein ganz gutes Beispiel, wie so etwas in einer Kleinstadt für alle läuft. Wenn aber in Neukölln der türkische Gemüsehändler ist, der nur seine Türken bedient, dann lernt die Aufnahmegesellschaft nichts davon.

Kann man den türkischen Gemüsehändler wirklich mit dem Nordafrikaner vergleichen, der seinen Pass verbrennt, bevor er die deutsche Grenze erreicht, um nicht als Armutsmigrant wieder in sein sicheres Herkunftsland abgeschoben zu werden?

Herfried Münkler: An diesem Punkt sind wir sehr konkret geworden. Wir versuchen zu zeigen, dass ein Migrations- und ein Integrationsregime strategisch miteinander verknüpft sein müssen. Eine Situation, die die Katastrophenfigur des abgelehnten, aber geduldeten Asylbewerbers hervorbringt, ist natürlich desaströs. Also muss man darüber nachdenken, wie man den Anteil erstens der Illegalen und zweitens der Abgelehnten, aber Geduldeten reduzieren kann. Wenn man Migration als ersten Schritt zur Integration begreift, dann heißt das möglicherweise auch, dass man die Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland davon abhängig macht, dass der Aufzunehmende Papiere dabei hat.

Eine Frauenquote beim Asylrecht? Für Herfried Münkler ein interessanter Vorschlag.

Was halten Sie von einer Frauenquote beim Asylrecht? Dann müsste auf jeden Asylbewerber eine Asylbewerberin kommen.

Herfried Münkler: Ein interessanter Vorschlag.

Marina Münkler: Das würde sofort dazu führen, dass die Migranten sich darauf einstellen. Das ist ihre klassische Reaktion: Sie werfen ihre Pässe weg, wenn Pässewegwerfen ihnen etwas bringt. Sie schicken die Männer, weil sie der Auffassung sind, die sind diejenigen, die am ehesten arbeiten können. Wenn es so eine gesetzliche Regelung gäbe, die sagt, wir haben eine Aufnahmequote, die ist so und so hoch, und die Hälfte davon muss weiblichen Geschlechts sein, dann werden die Frauen kommen. Dann schicken sie ihre Mädels.

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