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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

Herfried Münkler: Na, das können doch nicht wir zwei, meine Frau und ich, machen. Das muss der Bundestag machen.

Marina Münkler: „Identitäten zeichnen sich aber doch dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren.“

Sie könnten ihn dazu ja aufrufen, tun Sie aber nicht. Warum nicht?

Marina Münkler: Eben weil wir auf die aktuelle Problemlage reagieren wollten und uns sozusagen an dem abgearbeitet haben, was derzeit die Grenzen der Debatte markiert.

Dann wäre Ihr Buch weniger futuristisch, mehr dem Status quo verhaftet, als es behauptet. Zumal sich die Problemlage ja auch entschärft hat, seit die Kanzlerin zwar weiter vom humanitären Imperativ spricht, tatsächlich aber längst auf Abschreckung der Flüchtlinge setzt. Ist Ihre Utopie bei allen Glückserwartungen, die sie weckt, unter der Hand schon wieder ein alter Hut geworden?

Marina Münkler: Keineswegs. Das überfällige Einwanderungsgesetz bleibt doch als Horizont des Buches immer präsent. Man muss nur bis drei zählen können, um dem Buch zu entnehmen, dass wir das natürlich brauchen. Auf qualifizierte Einwanderung können wir keinesfalls verzichten. Das geht in unser Grundanliegen mit ein: Dass wir aus dem Pech, das zumal diejenigen hatten, die hierher flüchten mussten, versuchen können – und das ist vielleicht das Utopische daran –, ein Glück für alle zu machen.

Das Beharren auf deutscher Leitkultur und Identität nennen Sie eine „physiologische Reaktion der Erschöpften und Ermatteten“, haben aber selbst eine starke identitäre Prämisse, wenn es um Ihr ideales neues Gemeinwesen geht. Heißt das, wir müssen unsere historischen und kulturellen Traditionen über Bord werfen, um zu „neuen Deutschen“ zu werden?

Marina Münkler: Als Literaturwissenschaftlerin, die in Dresden lehrt, bin ich die Letzte, die sagen würde: Wozu brauchen wir diese „ollen“ Kathedralen, die Gotik, den Barock, das ist alles irgendwie langweilig. Identitäten zeichnen sich aber doch dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren. Zwischen mir und meinen Eltern liegt schon ein so großer Abstand in der Vorstellung von dem, wer man sein möchte, dass man ihn für unüberwindlich halten könnte. Aber er war offensichtlich überwindbar, sonst hätte ich nicht das machen können, was ich gemacht habe.

Konkretisieren wir die Identitätsfrage, so sind wir zum Beispiel beim Schulunterricht. In der Bildungspolitik stirbt die Utopie ja bekanntlich zuletzt. Welche Imperative halten Sie für die Schule bereit?

Marina Münkler: Wir haben viele Schulklassen mit einem Anteil von Nichtmuttersprachlern von um die 70 Prozent. Da ist ganz klar, dass die hinterher kein anständiges Deutsch können. Also braucht man ein Verteilungsverfahren. Man muss dafür sorgen, dass der Anteil nicht über 25 Prozent geht. Außerdem muss man mit den Jugendlichen so arbeiten, dass sie erkennen, dass kurzfristige Erfolgsperspektiven keine guten Perspektiven für sie sind und sie sich auf langfristige umstellen müssen. Dafür muss man aber gleichzeitig in der deutschen Gesellschaft die Voraussetzungen schaffen, etwa dadurch, dass man Bewerbungsverfahren – wenigstens bei größeren Firmen – anonymisiert. Was wir brauchen, ist so etwas wie eine Graswurzel-Bewegung, die beispielsweise über Elterninitiativen einen Nachmittagsunterricht für Migrantenkinder organisiert. Die zivilgesellschaftliche Seite ist extrem wichtig. Das mag banal klingen und trivial, aber wir haben nicht genug davon, wir brauchen viel mehr.

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