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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

Gleich auf den ersten Seiten zeichnen Sie doch die moralische Alternative: Da gibt es jene, die sich um die Neuankömmlinge kümmern, die ihr Herz öffnen, die sie willkommen heißen. Und dann gibt es da die anderen, die sagen: Wir wollen eure Probleme nicht, seht zu, wie ihr ohne uns klarkommt. Das heißt, die Humanen versus die Inhumanen. Wo bleibt bei dieser Problembeschreibung die zahlenmäßig größte Gruppe jener Menschen, die sagen, voran unser Bundespräsident: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt? Die also im sogenannten Flüchtlingsproblem vorrangig ein quantitatives Problem sehen, ohne dass man ihnen deshalb schon ethnische oder sonstwie moralisch vorhaltbare Ressentiments unterstellen sollte.

Herfried Münkler: Genau die, von denen Sie da sprechen, sind ja eigentlich die ins Auge gefassten Leser, die Adressaten des Buches. Und die stehen vor dem Problem, für sich eine Entscheidung treffen zu müssen, wie sie sich zu den Neuankömmlingen stellen wollen. Eine Entscheidung, die sie sich selbst nicht ausgesucht haben. Von daher ist es natürlich sinnvoll, so wie Sie das ja auch angesprochen haben unter Verweis auf Morus, der wie wir mit einem Diptychon arbeitet, mit einer zweigeteilten Darstellung. Im ersten Buch von „Utopia“ beschreibt er die Realität der englischen Gesellschaft mit ihren europäischen Verwicklungen, und dann kommt Raphael Hythlodäus und erzählt, wie das auf dieser neu gefundenen Insel sei. Das heißt jetzt nicht, dass es die Menschen dazwischen nicht gibt. Sondern gerade wenn wir uns auf den Morus’schen Kontext beziehen, sind sie, die Menschen zwischen den Polen, die eigentlichen Adressaten.

Herfried Münkler: „Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland.“
Herfried Münkler: „Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland.“ : Bild: Julia Zimmermann

Sie erwähnen durchaus das migrationspolitische Grundproblem, nämlich dass hier Einwanderung im Modus des Flüchtlingszuzugs geschieht, dass also die Asylgesetzgebung zweckentfremdet wird. Aber gleichzeitig tut Ihr Buch so, als sei das ein Problem der gesellschaftlichen Debatte. Warum schonen Sie die Politik und ihre Protagonisten?

Herfried Münkler: Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland. Unsere Argumentation ist da ja durchgängig. Ganz bewusst treten wir aber zunächst einmal zurück von diesen politischen Konfrontationen, die ja im Übrigen teilweise auch quer durch die Parteien gehen, sowohl durch die SPD als auch durch die CDU. Das war mit eine der grundierenden Überlegungen, das nicht von vornherein gewissermaßen so präzise auszuleuchten, weil ich auch glaube, das ist sehr fluid. Ich habe selbst hinreichend viele Gespräche mit der Politik gehabt und dabei immer wieder heftige Konfrontationen auch zwischen Parteifreunden erlebt, was die Flüchtlingsfrage angeht.

Warum setzen Sie der Politik dann aber nicht die Pistole auf die Brust und fordern eine Einwanderungsgesetzgebung? Warum bleiben Sie im Merkel’schen Zirkel, wenn Sie Migration wie die Kanzlerin im Kern als ein moralisches Projekt behandeln und sich damit dieselben Dilemmata wie sie einhandeln? Sie wären doch frei, den Überschritt zu machen und zu sagen: Lasst uns mit dem Etikettenschwindel aufhören und unser Einwanderungsland auch mit einer entsprechenden Gesetzgebung ausstatten?

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