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Margaret Atwood zu Afghanistan : Ohne Frauen kann kein Land bestehen

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Himmel hilf: Szene aus der Serienadaption von Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ mit Elisabeth Moss als June. Bild: INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.

Die Fiktion einer amerikanischen Theokratie entstand im Nahen Osten: Die Schriftstellerin Margaret Atwood erzählt, wie sie ihren Roman „Report der Magd“ unter dem Eindruck einer Reise nach Afghanistan verfasste.

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          Vor sehr, sehr langer Zeit, 1978, als Menschen, die heute vierzig Jahre alt sind, noch nicht geboren waren, unternahmen Graeme Gibson und ich eine Reise um die Welt. Unser Ziel war das Adelaide-Festival in Australien, aber wir kauften uns ein Round-­the-­World­-Ticket, mit dem wir unterwegs Stopps einlegen konnten, denn wir reisten mit unserer achtzehn Monate alten Tochter und meinten, ein Direktflug wäre für sie zu lang. Der Zwischenstopp in Afghanistan war meine Entscheidung ge­wesen. Schon das Wenige, das ich von der Geschichte dieses Landes wusste, hatte mich von fern fasziniert – kein ausländischer Eindringling einschließlich der Briten vermochte je, das Land über längere Zeit zu beherrschen. Berühmt ist der Ausspruch von Alexander dem Großen, dass es leicht sei, in Afghanistan einzumarschieren, aber schwer, wieder hinauszugelangen. Auch die Russen sollten später die Erfahrung machen, und wenige Jahrzehnte nach ihnen die Amerikaner. Warum?

          Vielleicht liegt es an der Verbindung von einer außerordentlich harschen Landschaft und dem unbändigen Freiheitswillen der Bewohner. Vor unserem Abflug sagte mein Vater: „Fahrt da nicht hin, es wird bald Krieg geben.“ Wie konnte er das wissen? Sechs Wochen nach unserem Besuch wurden Präsident Daoud Khan und fast seine gesamte Familie ermordet, was den über vierzigjährigen Krieg auslöste, den wir seither mit ansehen. Wir erlebten dieses überwältigend schöne Land, kurz bevor es in den Abgrund stürzte.

          Was passiert da in Afghanistan?

          Es gibt Stimmen, die sagen, ein Grund für den Mord an Daoud Khan sei sein Eintreten für die Bildung und Berufstätigkeit von Frauen gewesen. Einerlei, ob das stimmt oder nicht – bei mir hat die Rolle der Frauen in Afghanistan, insbesondere ihre beinahe völlige Unsichtbarkeit im öffentlichen Leben, tiefen Eindruck hinterlassen. Es ist offensichtlich, dass diese Unsichtbarkeit einer der vielen – histori­schen wie zeitgenössischen, aus aller Welt stammenden – Einflüsse ist, die sich in der Rolle der Frau niedergeschlagen haben, die ich für die Republik Gilead aus „Der Report der Magd“ entworfen habe.

          Ich habe mit diesem Buch 1981 begonnen, es erschien 1985; meine Fiktion einer amerikanischen Theokratie, die Frauen in eine extrem untergeord­nete gesellschaftliche Stellung zwingt, ist kurz nach meinem Afghanistanbesuch entstanden. Doch was ist mit heute – jetzt, da in Afghanistan aufs Neue ein puritanisches theokratisches Regime an die Macht gelangt ist? Frauen, die bislang als Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen, Denkerinnen, Schöpferinnen oder im medizinischen Bereich aktiv waren, werden zurück in die Unsichtbarkeit gezwungen. Man wird ihnen erklären, dass sie keine Ausbildung erhalten dürften, weil – hier lassen sich eine oder auch mehrere der Begründungen einfügen, die zu vielen Zeiten und in vielen Ländern gegeben wurden: Dass Frauen zu höherem Denken unfähig seien, ihre eigentliche Bestimmung darin liege, Kinder zu gebären und der Familie zu dienen, und so weiter.

          Die Autorin Margaret Atwood im August 2019 in Toronto.
          Die Autorin Margaret Atwood im August 2019 in Toronto. : Bild: Laif

          Im Großbritan­nien des neunzehnten Jahrhunderts wurde sogar behauptet, dass das Gehirn von Frauen, die Bildung erhielten, mit zu viel Blut versorgt würde und ihre Gebärorgane schrumpften. Es wurden unzählige Gründe angeführt, und keiner davon hält einer näheren Betrachtung stand. Sagen wir doch einfach, dass es in Wirklichkeit eher um Macht und Herrschaft geht und auch eine bösartige Seite in der menschlichen Natur zum Zug kommen soll: das Vergnügen, das manche empfinden, wenn sie ande­ren Schmerz zufügen. Viele Afghaninnen haben die Behauptung, Frauen könnten nicht lehren, lernen, forschen, erfinden, heilen und erschaffen, wi­derlegt. Nun werden sie wieder ins Dunkle gezwungen, vor Blicken versteckt, ihre Talente ihrem Land und ihren Gemeinschaf­ten vorenthalten; aber das, was sie bereits wissen, lässt sich nicht mehr auslöschen. Ich vermag nicht in die Zukunft zu sehen und weiß nicht, wie sich die Amputation der Frauen und ihrer Fähigkeiten auf Afgha­nistan auswirken wird.

          Vielleicht werden jüngere Frauen verzweifelter sein, weil sie die Zeit nicht erlebt haben, in der Afghaninnen sichtbar wurden. Vielleicht werden ältere Frauen beharrlicher sein in der Überzeugung, dass das, was schon ein­mal erreicht wurde, wieder erreicht werden kann. In unserer seltsamen und traurigen Zeit, in der wir von einer Pandemie und den Auswirkungen einer Klimakrise geplagt werden, ist nichts vorhersag­bar. Aber die afghanischen Frauen selbst haben gesagt: „Wir sind noch da!“ Das allein ist eine Aussage von Gewicht: Nach mehr als vierzig Jahren Umsturz und Zerstörung, Wiederaufbau und neuerlicher Zerstörung haben sie schon sehr, sehr viel durchgemacht.

          Ohne Frauen kann kein Land lange bestehen. Egal, wie sehr ein Re­gime Frauen hasst und straft, ganz ohne sie kommt es nicht aus. Aber von welcher Art werden diese Frauen sein? Wir werden es sehen.

          Margaret Atwood schrieb dieses Vorwort für Nahid Shahalimis Buch „Wir sind noch da. Mutige Frauen aus Afghanistan“, das im Elisabeth-Sandmann-Verlag erscheint.

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