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Auf dem Weg zum nächsten Erfolg: Schatten dreier Geschäftsleute mit Rollkoffern Bild: Picture-Alliance

Boni für Manager? : Erst die Moral – dann die Ethik

  • -Aktualisiert am

Zahlt den Konzern-Managern ruhig ihre Boni – aber für richtiges, statt für gewinnbringendes Verhalten. Ein Gastbeitrag.

          Warum sind Konzerne trotz aller Unternehmensethik immer wieder in Skandale verwickelt und stellen Manager anschließend ihre Verantwortung in Abrede, als hätten sie mit den Vorfällen nichts zu tun gehabt? Wie konnte man zum Beispiel bei VW auf die Idee kommen, es wäre eine Form „nachhaltigen Unternehmertums“, in Tausende von Autos, die auf der ganzen Welt verkauft werden, manipulierte Software einzubauen? Glaubte man tatsächlich, man würde so das Problem zu hoher Abgaswerte in den Griff bekommen oder eine Harmlosigkeit von Dieselabgasen in Affen-Tests nachweisen können?

          Die übliche Erklärung lautet, dass in der Welt der Konzerne Gier, Niedertracht und Egoismus herrschten: Jeder denke nur an seine eigene Karriere und opfere deshalb die Moral dem Geschäft. Eine Studie der Beratungsagentur Ernst & Young von 2017 hat zutage gefördert, dass sich mehr als zwanzig Prozent der deutschen Manager unethisch verhalten würden, wenn dies ihrem persönlichen Erfolg nützt (in anderen europäischen Ländern waren es noch mehr).

          Schon in der DNA des Unternehmens angelegt

          Die Probleme liegen jedoch tiefer. Die Verantwortungslosigkeit in Unternehmen beruht weniger auf der angeblichen Bösartigkeit und Verdorbenheit des Managements, als auf der Verfassung der Organisation, die regelkonformes Handeln unterstützt oder verhindert. Die Verantwortungslosigkeit hat strukturelle Ursachen. Sie ist gewissermaßen schon in der DNA des Unternehmens angelegt. Die Kluft zwischen behaupteter und tatsächlicher Übernahme von Verantwortung stellt einen systemischen Defekt dar, der auf die Kultur und das Design von Organisationen zurückgeführt werden muss.

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          Dieses Phänomen lässt sich besonders gut mit dem Phänomen der sogenannten shifting baselines erklären. Hiermit wird ein moralsoziologisches Phänomen bezeichnet, bei dem Menschen ihren moralischen Referenzrahmen schrittweise den Umständen anpassen, unter denen sie agieren. Beispiele hierfür sind vielfältig und reichen von Soldaten, die in Kriegssituationen ihre eigenen Moralvorstellungen so verändern, dass Töten zur Normalität wird, über Bürokratien, die es schaffen, ihre Beamten zu bloßen Befehlsempfängern zu „erziehen“. Ein bekannter Fall ist das Stanford-Prison-Experiment, bei dem Probanden im Laufe des Experiments immer gewalttätiger wurden und aufgrund von Rollenzuschreibungen als Gefängniswärter ihre Hemmungen verloren.

          Auch wenn dies Extrembeispiele sind, illustrieren sie den Umstand, dass die Organisationsverfassung den „gesunden Menschenverstand“ beeinflusst und sich die Maßstäbe, die sonst ganz selbstverständlich an Anstand, Moral oder Tugenden der Organisationsmitglieder angelegt werden, unmerklich verschieben. Dabei werden individuelle Vorstellungen von richtig und falsch, von Normen und Gesetzen nicht einfach außer Kraft gesetzt. Sie werden vielmehr von Gruppenansichten oder Systemimperativen so überlagert, dass sie eine neue Gültigkeit gewinnen.

          Diese Verschiebung von Moralvorstellungen lässt sich auch im Management von Konzernen beobachten. Die shifting baselines bezeichnen keine plötzliche Veränderung im Urteilen und Handeln von Individuen, sondern sind vielmehr ein „Gleiten und Driften von moralischen Standards, das sich nicht auf Intentionen von Akteuren, vielmehr auf Effekte von Systemen zurückführen lässt“, wie der Soziologe Günther Ortmann es ausgedrückt hat.

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          Moralpsychologische Studien bestätigen diese These. So wurden beispielsweise Belege dafür gefunden, dass die Verschiebung der eigenen Moralvorstellungen schleichend und mit der Zeit geschieht: Manager, die ihren Beruf schon länger ausüben, wiesen niedrigere Werte bei moralischen Urteilen auf als ihre jüngeren oder unerfahrenen Kollegen. Es lässt sich außerdem nachweisen, dass die Ausbildung, das Arbeitsumfeld und die jeweilige berufliche Tätigkeit einen starken Einfluss auf die moralische Urteilsfähigkeit haben können.

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