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Macrons neue Kulturministerin : Eine Diva für die französische Oper

Nicht die erste Krise, durch die die neue Kulturministerin muss: Roselyne Bachelot gehört zur neuen Regierung in Frankreich. Bild: AFP

Dieser Tage hält Macrons neue Regierung Einzug in den Élysée-Palast. Zu der Besetzung gehört auch Roselyne Bachelot, die schon wieder ihr Glück in der Rolle als Ministerin sucht.

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          Vorhang auf – im französischen Kabinett halten zwei ausgesprochene Selbst- und Charakterdarsteller Einzug. Der Staranwalt Éric Dupond-Moretti, der die besten Plädoyers im ganzen Land hält und auch schon im „Théâtre de la Madeleine“ solo auf die Bühne trat, wird Justizminister. Genauso bühnenreif ist die Geschichte der neuen Kulturministerin. Sie handelt von der märchenhaften Auferstehung einer Politikerin, die in Ungnade gefallen war. Noch unter Jacques Chirac war die heute dreiundsiebzig Jahre alte Roselyne Bachelot, die sich als „Rechtsfeministin“ bezeichnet, Ministerin für Umwelt und Sport.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nicolas Sarkozy holte sie für die Gesundheit in die Regierung. Als 2009 die H1N1-Pandemie ausbrach, kaufte Bachelot zweihundert Millionen Masken – die letzten wurden im vergangenen März entsorgt – und vierundneunzig Millionen Dosen Impfstoff. Doch es gab nur 342 Tote. Wegen Verschleuderung von Steuergeldern wurde Bachelot zur Buhfrau der Nation. Der Rechnungshof bezifferte die unnützen Ausgaben auf 382,7 Millionen Euro. Mit Schimpf und Schande wurde Bachelot aus der Politik vertrieben. Aber sie scheute sich nicht, in der Rolle der altmodischen und abgetakelten Politikerin aufzutreten.

          Sprichwörtlich démodé sind ihre bunten und blumigen Röcke. Bachelot kann einstecken – und auch zur Selbstironie ist sie fähig. Selbst in der manchmal sehr schlüpfrigen Runde der „Grosses Têtes“ im Nachmittagsprogramm von RTL bewährte sie sich. Beim gediegensten Newssender LCI war sie Expertin für Gesundheitsfragen. Acht Jahre lang dauerte die Ochsentour durch die Medien. „Ich dachte, dass man mich erst nach meinem Tod rehabilitieren würde“, frotzelte Bachelot vor ein paar Wochen.

          Die verkannte Prophetin mit den Spitzenwerten

          In der Corona-Krise erschien sie dem gebeutelten Land als verkannte Prophetin. Reumütig bekannten sich die politische Klasse und die Medien zu den vergangenen Verfehlungen ihr gegenüber. Roselyne Bachelot erreichte in allen Beliebtheitsumfragen Spitzenplätze. Mit vornehmer Zurückhaltung und ohne jegliche Rechthaberei kommentierte sie die Ereignisse. Als ehemalige Gesundheitsministerin wurde sie vergangene Woche von der parlamentarischen Untersuchungskommission befragt.

          Jetzt wird die neue Kultfigur der französischen Politik Kulturministerin. Ihre glücklosen Vorgänger kannten entweder die Kultur – die Verlegerin Françoise Nyssen – oder die Mechanismen der Politik. Franck Riester, den Bachelot ablöst, war Autohändler. Er wird als Staatssekretär den Außenhandel übernehmen. Die neue Ministerin verfügt über Regierungserfahrung und eine enge Beziehung zu ihrem Bereich. Schon in jugendlichem Alter entdeckte sie die Oper. Sie ist mit dem Tenor Jonas Kaufmann befreundet und liebt Wagner. Hörer von France Musique kennen sie als Expertin. Sie hat ein Buch über Verdi geschrieben und eine Anthologie der französischen Oper zusammengestellt.

          Als Ministerin hat sie es mit den Internetkonzernen, den Medien in der Krise und dem Kulturbetrieb im Lockdown zu tun. Im Gegensatz zu Franck Riester wird sie sich von Emmanuel Macron, dessen Mutter sie sein könnte, nicht in die Rolle der Statistin drängen lassen. Ihre Berufung ist auch ein politisches Fanal – ein Zeichen gegen die Kulturpolitik der Grünen, die in den von ihnen eroberten Städten der Oper den Garaus zu machen versprechen. Die Pariser Oper, für die der Staat zuständig ist, hat wegen Rentenstreik und Corona 45 Millionen Euro Schulden angehäuft. „Am Boden“ sei sie, sagte jüngst ihr Intendant Stéphane Lissner, der vorzeitig das Handtuch wirft. Roselyne Bachelot weiß, was sie erwartet: „Das Kulturministerium war mein politischer Traum.“

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