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M100-Medienpreis für Yücel : Warum Berlin Erdogan nicht zum Bankett laden sollte

Deniz Yücel mit seiner Frau Dilek Mayaturk Yücel, Ines Pohl und Christian Lindner bei der Preisverleihung in Potsdam. Bild: AFP

Bei den Debatten des „M100 Sanssouci Colloquiums“ geht es um die Zukunft Europas. Deniz Yücel erhält den M100-Medienpreis und hält eine bewegende Rede. Er warnt die Bundesregierung vor dem türkischen Präsidenten.

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          Europa muss neu erzählt werden. Zu diesem Schluss kann kommen, wer in Potsdam die Diskussionen des „M100 Sanssouci Colloquiums“ verfolgt hat. Was in Europa zu tun ist, wenn in Gestalt von Donald Trump das „postamerikanische Zeitalter“ gekommen ist, war eine Leitfrage der internationalen Medienkonferenz, die seit 2005 jährlich tagt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Eine Erosion der Fundamente politischer Normen beobachtet John Kornblum, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Deutschland. Aber reicht das aus, um sich in einer postamerikanischen Ordnung zu wähnen? Kornblum zeigte sich skeptisch. Europa sei nicht allein; aber es sei Zeit für ein neues Narrativ. Auf Zustimmung stieß diese beliebte Hinwendung zur Narration, obwohl sie die Frage aufwirft, wie ein solches Narrativ konkret aussehen kann und unhinterfragt lässt, wie Realität hier definiert wird: Wer ein neues Narrativ zur Lösung einer politischen Krise fordert, setzt voraus, dass das, was wir erzählen, politische Realität formt – und nicht die politische Realität vorgibt, was wir erzählen.

          Ungeachtet dieser analytischen Leerstelle blieben die Diskussionen geprägt von der Suche danach, wie guter Journalismus aussehen kann, wenn im Weißen Haus ein „ideologischer Feind“ Europas sitzt und das Nachrichtengeschehen durch unsachliche Tweets bestimmt, während in Europa und Amerika an den politischen Rändern populistische Bewegungen erstarken. Kann man dem entgegenwirken, indem die Medien aufhören, wie Christoph von Marschall vom „Tagesspiegel“ forderte, auf jeden Tweet Trumps zu reagieren? Oder ist es die Pflicht der Journalisten, über dessen getwitterte Positionen zu berichten, weil sie zur politischen Realität gehören?

          Laut wurde derweil der Wunsch nach einer Einheit Europas. Kann es das geben, die eine Stimme Europas, wenn nationale Demokratien schleichend erodieren und antieuropäische Kräfte sich formieren? Skepsis war zu vernehmen gegenüber der Umsetzbarkeit, alle europäischen Staaten zusammenzubringen. Dennoch warnte die Schweizer Politaktivistin Flavia Kleiner davor, die Rechtspopulisten die Diskurse bestimmen zu lassen: „Lasst uns nicht deren Lied singen, wir sollten unser eigenes Lied singen!“ In Grundzügen wurde hier sichtbar, wie eine neue Zivilgesellschaft entstehen könnte, auf deren Relevanz angesichts der „Migrationskrise“ Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) in seiner Eröffnungsrede verwies.

          Wo Krisendiskurse den öffentlichen Dialog bestimmen, ist die Proklamation eines Endes und der Ruf nach dem Neuen nicht weit. Das machte auch die Auseinandersetzung mit den inneren Krisen des Journalismus deutlich, die durch sinkende Auflagen, digitale Dominanz und einer schwindenden Zahlungsbereitschaft der Leser heraufbeschworen werden. Alexandra Borchardt vom Reuters Institute for the Study of Journalism konnte allerdings belegen, dass zur Panik kein Anlass besteht, etwa wenn man sich anschaut, dass weltweit nur 23 Prozent der Leser Nachrichten aus den sozialen Medien trauen und der Anteil derjenigen, die bereit sind, für Online-Nachrichten Geld zu bezahlen, zumindest in einigen Staaten steigt. Deutschland gehört nach diesen Zahlen gleichwohl zu den Schlusslichtern.

          Wie ernst die politische Lage ist, zeigte der bewegende Auftritt des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel, dem der M100-Medienpreis verliehen wurde. „Ich selber würde nicht reklamieren, besonderen Mut an den Tag gelegt zu haben“, sagte Yücel, der im Februar aus einjähriger Haft in der Türkei entlassen wurde. Seine journalistische Arbeit sei ein Akt der Selbstbehauptung gewesen. Wie der Hauptredner Christian Lindner (FDP) kritisierte Yücel die Bundesregierung scharf dafür, dass sie den türkischen Präsidenten Erdogan zum Staatsbesuch nach Deutschland eingeladen hat. Ein „Verbrecher“, der „Menschenraub“ begangen habe, werde vom Bundespräsidenten zum Bankett geladen. Die Bundesregierung übe Verrat an all den Menschen, die sich in der Türkei nach einer freien, demokratischen und säkularen Gesellschaft sehnten. Lindner betonte, die Liberalität einer Gesellschaft bemesse sich an der Freiheit der Presse – und am Mut zur abweichenden Meinung. Hoffnung machte die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Ines Pohl, in ihrer Laudatio auf Yücel: „Mut ist ansteckend.“

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