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Genuss trotz Krisen : Welcher Luxus soll’s denn sein?

Bild: Marzena Skubatz

Gestern der schicke Wagen, heute das teure Yoga-Retreat: Übernehmen neue Milieus Symbole für Erfolg und Anerkennung, schaffen die etablierten Stände eine andere soziale Distinktion. Klar ist: Ein ganz spezieller Luxus könnte sogar dem Planeten helfen.

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          Als das Jahr 215 vor Christus anbrach, hatten die Frauen von Rom genau genommen keinen Grund zum Feiern, im Gegenteil: Nach dem 2. Punischen Krieg ging es dem Reich schlecht, Hannibal hatte die römische Armee bei Cannae vernichtend geschlagen, 50.000 römische Männer waren an der Front gestorben. Trotzdem führten viele römische Frauen ihren Wohlstand öffentlich vor: Sie fuhren in teuren offenen Karossen kreuz und quer durch die Stadt, trugen aufwendige Purpurgewänder, an ihren Hälsen und Armen hing kostbarer Goldschmuck.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie der Geschichtsschreiber Titus Livius später berichtet, erzürnte dieses Verhalten den Volkstribun Oppius sehr, er verlangte im Moment der militärischen Verluste und der Krise des römischen Reichs Mäßigung, Ernst und Bescheidenheit; das Verhalten der wohlhabenden Römerinnen sei unangemessen und würde außerdem die Gräben vertiefen zwischen den Patrizierinnen und den Plebejerinnen, von denen viele verarmt waren durch den Verlust der Ernährer an der Front. Schließlich wurde die Lex Oppia erlassen, ein Gesetz, dass die Freiheiten und die Selbstdarstellung der römischen Frauen massiv einschränkte.

          Wie Livius schreibt, durfte keine Frau im öffentlichen Raum mehr als eine halbe Unze Gold an ihrem Körper tragen, Vergnügungsfahrten im offenen Wagen wurden untersagt. Erst 20 Jahre später, nach massiven Protesten der Römerinnen, wurde das Gesetz aufgehoben, obwohl Cato der Ältere davor warnte.

          Über zwei Jahrtausende später hat sich an der grundlegenden Diskussion um Luxus im Kern nichts geändert: Wo Rapperinnen und Rockstars im Gucci-Outfit aus dem Ferrari steigen, stellt sich die alte Oppius-Frage: Ist das geschmacklos und erzeugt bloß Neid – oder ist es ein Ausdruck von neuem Selbstbewusstsein in schwierigen Zeiten? Waren die Römerinnen unverantwortlich und pietätlos – oder waren ihre Luxusexzesse ein Weg, mit der Trauer umzugehen, sich nicht unterkriegen zu lassen, darauf zu beharren, dass man das Recht auf ein schönes Leben hat?

          Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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          Wenn alles andere schiefgelaufen ist, können formal unvernünftige Käufe – eine sündhaft teure Cashmeredecke, ein elegantes Cabrio, ein raffiniertes Essen im Sternerestaurant – dazu beitragen, die Selbstachtung und die Freude an der eigenen Existenz aufrechtzuerhalten.

          Aber was ist überhaupt „Luxus“? Das Lexikon definiert Luxus als einen über das, was durchschnittlich als angemessene und übliche Sicherung des Lebensstandards gilt, weit hinausreichenden Aufwand für Dinge, die selten oder nur sehr schwierig herzustellen sind – weswegen man genau schauen muss, wie der Begriff sich historisch, regional und sozial gewandelt hat.

          In der Antike – und in einigen Regionen der Welt noch heute – gilt fließendes Wasser als Luxus; der moderne Welthandel ist durch die Nachfrage nach damaligen Luxusprodukten wie Gewürzen, Kaffee, Schokolade oder Zucker entstanden, die heute als Basisversorgung gelten. In Norwegen war es lange verboten, Angestellten mehr als viermal pro Woche den in den heimischen Gewässern mehr als reichlich vorhandenen Lachs aufzutischen, während er in den Achtzigerjahren in weniger nördlichen Gefilden als luxuriöse Delikatesse galt, bevor er zum etwas zu künstlich orange schimmernden Ladenhüter am Vertreterhotelbuffet wurde.

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