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Luther-Jubiläum : Ökumene auf Teufel komm raus

Überkonfessionell einsetzbar: Kühlschrankmagnete im Lutherhaus in Eisenach Bild: dpa

Wäre Ratzinger ein Papst nach Luthers Herzen gewesen? Die Ökumene ist gerade dabei, sich ein ahistorisches Dreamteam zu erfinden. Warum darin mehr Wahrheit als Satire steckt.

          5 Min.

          Hat nun auch die Theologie ein Satire-Problem? Setzt man im Vorfeld des Luther-Jubiläums 2017 auf die Maximalprovokation, um den ökumenistischen Betriebsjargon zu stören? In Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. sei der Kirchengeschichte ein Papst erwachsen, „wie ihn sich auch nicht Martin Luther besser hätte vorstellen können“, sagte jüngst Rudolf Voderholzer, Regensburger Bischof und als solcher Gründungsdirektor des in Regensburg ansässigen „Instituts Papst Benedikt XVI.“, in welchem unter anderem Ratzingers gesammelte Schriften herausgegeben werden. Wäre es womöglich gar nicht zur Eskalation zwischen Rom und Wittenberg gekommen, wenn damals schon Ratzinger und nicht Leo X. auf dem Papststuhl gesessen hätte? Wäre Luther zum Kardinal ernannt worden, wenn sein – laut Voderholzer – Wunschkandidat Ratzinger in Rom am Ruder gewesen wäre? Hätte Luther ihn schließlich gar im Papstamt beerbt?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Den satirischen Einfällen sind keine Geschmacksgrenzen gesetzt, wenn man der Regensburger Insinuation eines Dreamteams Luther/Ratzinger die Zügel schießen lässt. Voderholzers Aussage, eher beiläufig während eines Pilgerbesuchs in Rom gemacht und als solche nicht weiter erläutert, führt geradewegs hinein ins theologische Dilemma des Lutherjubiläums. Worin besteht das Dilemma? Sehr kurz und mit der gebotenen Vorsicht gesagt: Luther war kein Ökumeniker. Soll man ihn, den wuchtigen Apokalyptiker (der ja nicht nur diesen und jenen römischen Amtsinhaber, sondern das Papsttum als solches für den endzeitlichen Antichristen hielt), jetzt so lange in historische Kontexte zerlegen, bis sich die ganze Reformation als historisches Missverständnis auffassen lässt?

          Für Luthers Heils- und Gewissheitsbedürfnis

          Der Paternalismus einer Auf-Teufel-komm-raus-Ökumene folgt stets derselben Prämisse: die damaligen Protagonisten heute besser zu verstehen, als diese sich selbst verstanden haben. Bedauerlich ist, dass sich mit diesem Verfahren substantielle Fragen des Christentums, denen Luthers Zeit nicht ausgewichen ist, heute einfach als „konfessionalistisch“ ausmustern lassen, wiewohl sie in der Sache unerledigt geblieben sind. Mit anderen Worten: Luthers Fragestellungen sind heute nicht deshalb unverständlich geworden, weil sie mittlerweile „geklärt“ wären, sondern weil man ihnen durch selektive katholische Rezeption und neuprotestantische Transformation den Stachel der Bedeutung zog.

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          Vor diesem Hintergrund ist Voderholzers Aussage bemerkenswert. Sie muss einen alles einebnenden Ökumenismus provozieren, „einen Ökumenismus der Resignation, der es für altmodisch hält, sich noch um die Wahrheit zu streiten“, wie Ratzinger schon 1966, also in seiner progressiven Phase, schrieb. Und zwar in einem Vorwort zu einem Luther-Buch, welches im theologischen Rezensionswesen seinerzeit für gehörige Kontroversen sorgte: Paul Hackers Werk „Das Ich im Glauben bei Martin Luther. Der Ursprung der anthropozentrischen Religion“. Der Katholik Hacker, von Haus aus Indologe, setzte sich mit Luthers Glaubensbegriff auseinander, dergestalt, dass dessen psychologische Indienstnahme für Luthers Heils- und Gewissheitsbedürfnis deutlich wurde.

          Wie soll das zusammenpassen?

          Ratzinger erkannte in Hacker die Passion des Betriebsfremden. In der Konzentration der zugespitzten Darstellung schlug das Buch zunächst wie eine Bombe ein. Ist Luthers Glaubensverständnis bei aller Christusfrömmigkeit psychologisch bestimmt? Setzt Luther, wie Hacker schreibt, in seiner Fixierung auf Heilsgewissheit „das Heil mit dem Heilsbewusstsein, mit der Getröstetheit gleich und fürchtet darum den Verlust der Heilsgewissheit als das Unheil selbst – sieht sich dann aber doch gezwungen, die Not der Nichtbeständigkeit des Trostgefühls zu einer Tugend zu erklären; die Ungewissheit soll vor Sorglosigkeit bewahren, und der Mensch soll sich in mühsamen Denkübungen freikämpfen“? Ersetzte Luther, mit anderen Worten, die Werkgerechtigkeit durch Psychostress? Die Kritik sprach von einer „Sensation“, nannte Hackers Buch „erregend“, gar „spannend wie ein Roman“.

          So etwa urteilte Otto Hermann Pesch, einer der auf Ausgleich bedachten frühen katholischen Ökumeniker, in der „Theologischen Revue“ 1968, wo er erklärte, dass Hacker trotz mancher methodischer Mängel „scharfsinnig auf den neuralgischen Punkt in Luthers Glaubensverständnis aufmerksam macht: Derselbe Luther, der den Glauben als reines Gottesgeschenk nicht genug unterstreichen, vor jedem menschlichen, ,erdichteten‘ Glauben nicht genug warnen kann, ermahnt mit größtem Nachdruck zum heilsnotwendigen, ichbezogenen Glauben wie zu einer psychischen Anstrengung. Wie beides gedanklich zusammenpasst, ist kaum zu sehen, vor allem dann nicht, wenn man seine Lehre von der Unfreiheit des Willens ohne kritische Rückfrage durchhalten will. Bekanntlich scheiden sich ganze Schulen der Lutherdeutung an dieser Spannung in Luthers Glaubensverständnis.“

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