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Generationenkonflikt im Osten : Die Ich-AG

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel Bild: dpa

Der Arbeiter braucht keine Arbeiterpartei – aber was dann? Literarische Beobachtungen zu einem Vater-Sohn-Konflikt in einer ostdeutschen Familie.

          5 Min.

          Über Politik habe ich mit meinen Eltern nie gesprochen. Vor allem nicht darüber, welche Partei sie wählten und mit welchen Politikern sie sympathisierten. Als ich noch ein Kind war, hörte ich meinen Vater lediglich sagen: „Die CDU ist gut für die Wirtschaft.“ Daraus schloss ich, dass er sie wählte. Meine Mutter tat es ihm wahrscheinlich gleich. Als ich als Jugendlicher überlegte, in die SPD einzutreten, weshalb, kann ich heute gar nicht mehr sagen, und auch noch die Frechheit besaß, eben diese Überlegung laut am Küchentisch zu äußern – da schlug mein Vater mit der flachen Hand auf den Tisch, dass sein Teller samt Kartoffeln zu kreiseln begann, stand auf und verließ die Küche. Ich lief ihm hinterher. In der Stube lehnte er an der Heizung. Die Bierflaschen über seinem Kopf auf dem Fensterbrett aufgereiht. Mit seinen Händen rieb er in den Augen. Sein Gesicht wandte er von mir ab.

          „Vati?“

          Ich setzte mich zu ihm auf den Boden und legte meine Hand auf seinen Arm. Allein ihn so zu berühren fühlte sich seltsam an. Wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, reichten wir einander die Hand wie Fremde. Die Heizung hatte seinen Körper zur Hälfte erwärmt. Er zog seinen Arm weg, dann sah er mich an. Starrte, seine Augen tief in den Höhlen.

          „Du fällst mir nicht in den Rücken. Du nicht auch noch“, sagte er.

          Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. „Was meinst du?“

          „Wenn du ein Roter wirst, kannst du gehen.“

          Wieder versuchte ich, ihn zu berühren. Meine Hand auf seinen Arm oder seine Schulter zu legen. Irgendwie Nähe herzustellen. Ich dachte, das würde er in diesem Moment brauchen.

          „Lass mich in Ruhe“, sagte er. „Geh!“

          Also stand ich auf und verließ die Wohnung.

          Solche Ausbrüche hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum von ihm gekannt. Wenn ihn etwas berührte und ich daran teilhaben sollte, zeigte er einfach darauf, oder nahm mich mit, so waren ja unsere Ausflüge entstanden. Oft hörte ich dann den Satz: „Jetzt guck doch mal hin.“ Wenn er hingegen traurig war, wenn ihn etwas verstimmte, ließ er mich daran nicht teilhaben. Schon gar nicht zeigte er es vor mir. Er blieb im Schlafzimmer, wo er sich einschloss, oder ging spazieren, oder manchmal, bis früh am Morgen, saß er noch in der Stube und schaute fern. Wenn beim „Morgenmagazin“ dann das zweite Mal die Nachrichten kamen, schlief er ein. Nur kurz vor und während der Scheidung hatte ich meinen Vater schreien gehört. Und wann immer das passierte, hörte ich, wie er oder meine Mutter die bislang gekippten Fenster und angelehnten Türen schlossen. Sie wussten ja, wie hellhörig die Wohnblocks waren.

          Lange Zeit glaubte ich, dieser Moment, dieses „Du fällst mir nicht in den Rücken“ hätte konkret etwas mit der SPD zu tun. Einmal standen wir an der Aldi-Kasse, und jemand beschwerte sich über die gestiegenen Zigarettenpreise. Da sagte mein Vater: „Sie können ja ’ne Ich-AG gründen.“ Leises Lachen in der Schlange. Oder er sah einen Flaschensammler und wandte sich zu mir, ohne dass ich überhaupt eine Ahnung gehabt hätte. „Warum gründet der keine Ich-AG?“ Dieses Gefühl, nicht zu wissen, ob man lachen oder weinen sollte, wurde für meinen Vater mit dem Wort „Ich-AG“ konkret und endlich benennbar. Hin und wieder traf er ehemalige Arbeitskollegen, entweder war ich dabei, oder er erzählte es im Nachhinein am Abendbrottisch. Er sprach von ihnen wie von sich: „Wir sind Fischer“, sagte er. „Das interessiert die vielleicht nicht, aber wir sind Fischer. Das ganze beschissene Land haben wir ernährt.“

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