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Boris Johnsons neue Pläne : Luftbrücke

  • -Aktualisiert am

Baut gern: Boris Johnson noch als Londoner Bürgermeister bei der Eröffnung des tiefsten Tunnels der Stadt im Januar 2016 Bild: Picture-Alliance

Seine Idee einer spektakulären grünen Brücke über die Themse ist spektakulär gescheitert. Jetzt hat der einstige Londoner Bürgermeister und jetzige britische Außenminister den Ärmelkanal im Blick.

          Es ist noch nicht so lange her, dass die Untertunnelung des Ärmelkanals, die Napoleon bereits in Erwägung zog und die vom Zukunftsglauben getragenen Viktorianer hundert Jahre vor der Eröffnung des Kanaltunnels zu realisieren versuchten, ähnlich phantastisch anmutete wie die futuristischen Visionen von Jules Verne. Boris Johnsons jüngstem Geistesblitz, den Ärmelkanal zu überbrücken, dürfte denn auch weniger die Machbarkeit im Wege stehen als politische, finanzielle und praktische Überlegungen wie die Verkehrsbehinderung auf den vielbefahrenen Gewässern.

          Obwohl der französische Präsident den Vorschlag des britischen Außenministers spontan bejahte, verpasste Theresa Mays Sprecher ihm sogleich eine kalte Dusche. Inzwischen soll auch der Elysée-Palast den Plan als „Unsinn“ abgetan haben, obgleich er anerkannte, dass die Verkehrsanbindung eine wichtige Frage sei. Johnsons Kritiker beeilten sich, an seine bisherigen Luftschlösser zu erinnern, angefangen mit dem als „Boris-Insel“ titulierten Flughafen in den Sümpfen der Themse-Mündung über den begrünten Fußweg über die Themse, der als „Boris-Brücke“ verspottet wurde, bis hin zur Ambition, das Premierministeramt zu erlangen. Sie seien allesamt zunichtegemacht worden.

          Nick Clegg, der ehemalige liberaldemokratische Vizepremier in der Regierung Cameron, bezeichnete die Idee als geniales Ablenkungsmanöver. Eine Kommentatorin des „Guardian“ tat sie als weiteres Beispiel für Johnsons Ehrgeiz ab, sich an Churchill zu messen. Sie verwies auf eine bezeichnende Stelle in dessen Churchill-Biographie, in der davon die Rede ist, dass alle Politiker eigennützige Hasardeure seien. Churchill habe auf ein Pferd mit dem Namen „Antinazismus“ gesetzt, und die Wette sei auf spektakuläre Weise geglückt, schrieb Johnson. Die Kommentatorin mokierte sich über dessen Suche nach seiner großen Stunde, zumal die Ironie darin liege, dass der Augenblick des nationalen Schicksals bereits in der Form des Brexits gekommen sei.

          Johnson, der das Image des dilettierenden Staatsmannes pflegt, soll sich schon länger für eine zusätzliche Fernstraße zur Förderung der wirtschaftlichen Anbindung an den Kontinent eingesetzt haben, die – so habe er 2016 beim Parteitag der Konservativen in privatem Kreis argumentiert – ein Zeichen für das Bekenntnis zu Europa setze. Die Idee ist nicht neu: Der Bau des Eisenbahntunnels ging mit Plänen für einen zusätzlichen Autotunnel einher, den Margaret Thatcher sogar bevorzugte, weil Fahrzeuge Freiheit und Individualismus verkörperten.

          Fachleute wenden zwar ironisch ein, dass es billiger wäre, Frankreich näher an England zu schieben, halten eine Brücke jedoch für eine technische Möglichkeit. „Alles ist machbar“, hat der Unternehmer Elon Musk erklärt, dessen Hyperloop-Konzept für den schnellen Transport durch eine elektronisch angetriebene Vakuumröhre, sogar die Verwirklichung eines transatlantischen Tunnels denkbar macht, wie er dem Sohn von Jules Verne in der 1895 veröffentlichten Kurzgeschichte „Un Express de l’Avenir“ vorschwebte.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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