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Kriegsdenkmäler in Russland : Die unfassbare Lüge dieser Helden

  • -Aktualisiert am

Ein echtes Denkmal für unechte Helden in der Nähe Moskaus Bild: akg-images / RIA Nowosti

In Russland stehen Denkmäler für im Krieg gefallene Soldaten, die nie gefallen sind. Die Russen sind empört. Aber nicht über die Lüge der Fälscher, sondern über die Zerstörung des Heldenmythos.

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          Laut einem gängigen Spruch ist Russlands Vergangenheit unberechenbar. Manchmal hat man sogar das Gefühl, sie ist den Russen wichtiger als ihre Gegenwart. Das zentrale Staatsarchiv Russlands veröffentlichte in diesem Monat Unterlagen, die einen der grundlegenden sowjetischen Heldenmythen aus dem Zweiten Weltkrieg als freie Erfindung dreier Zeitungsjournalisten enthüllen. Die Veröffentlichung löste eine landesweite Welle der Empörung aus. Die Wut der Öffentlichkeit und konservativer Intellektueller richtet sich aber nicht gegen die längst verstorbenen Fälscher, sondern gegen das Staatsarchiv und seinen Chef Sergej Mironenko, die mit ihrer Veröffentlichung an den Stützen der nationalen Identität rütteln.

          Es handelt sich um eine Episode der Schlacht um Moskau. Am 16. November 1941 stieß die deutsche Offensive auf heftigen Widerstand der sowjetischen Armee. Beim Dorf Dubossekowo, etwa einhundert Kilometer westlich von Moskau, sollen 28 Kämpfer der Infanterie-Division des Generalmajors Panfilow 18 deutsche Panzer nur mit Handgranaten und Molotow-Cocktails vernichtet haben. Keiner habe die vierstündige Schlacht überlebt. In unzähligen Städten Russlands, Kasachstans und der Ukraine stehen Denkmäler zu Ehren der Panfilow-Helden, Straßen und Plätze sind nach ihnen benannt.

          Eine vage Meldung wird zur Heldengeschichte

          Dass die Geschichte eigentlich nicht stimmt, ist Historikern schon längst bekannt, Zweifel an ihrer Authentizität wurden bereits zur Sowjetzeit öffentlich geäußert, aber wenig beachtet. Mehrere angeblich gefallene Panfilow-Helden tauchten im Laufe der Jahre lebendig auf, forderten ihre Orden und bekamen sie dann auch, selbst wenn sie zugaben, dass sie von ihren Heldentaten aus Zeitungen erfuhren. Der erste Fall ereignete sich bereits im Jahr 1942: Ein aus der Kriegsgefangenschaft befreiter Soldat gab sich als einer der Panfilow-Helden zu erkennen. Solche Fälle mehrten sich und sorgten für einige Irritation der Behörden. Schließlich wurde die Geschichte auf der höchsten Ebene untersucht.

          Eine Heldengeschichte zur moralischen Unterstützung der Kämpfer an der Front: Sowjetische Truppen beim Kampf um Stalingrad im zweiten Weltkrieg
          Eine Heldengeschichte zur moralischen Unterstützung der Kämpfer an der Front: Sowjetische Truppen beim Kampf um Stalingrad im zweiten Weltkrieg : Bild: dpa

          Bei den jüngst veröffentlichten Unterlagen handelt es sich um den 1948 verfassten Bericht des militärischen Oberstaatsanwalt der UdSSR Nikolai Afanassjew. Den Anlass für die Untersuchung gab die Verhaftung eines Kollaborateurs, der in deutscher Gefangenschaft Dorfpolizist wurde und sich an Deportationen von Zwangsarbeitern beteiligte. Es stellte sich bald heraus, dass der beschuldigte Iwan Dobrobabin einer jener Panfilow-Helden war. Die Staatsanwaltschaft befragte daraufhin die Mitarbeiter der Zeitung „Krasnaja Swesda“ („Der rote Stern“), die als Erste von der Schlacht bei Dubossekowo berichtet hatte, und etliche Offiziere der Panfilow-Division. In den Unterlagen ist nachzulesen, wie zwei Redakteure aus einer vagen, faktenarmen Meldung eines Front-Korrespondenten zuerst eine Titelgeschichte und dann einen ausführlichen Bericht konstruierten.

          Bestraft wurde niemand

          Es gab in der Tat schwere Gefechte an der ganzen Front, aber keine besonderen Ereignisse bei Dubossekowo. Die Zahl 28 wurde aus der Luft gegriffen: Es soll eine unvollständige Kompanie gewesen sein, berichtete der Korrespondent, höchstens 30 Mann, zwei wollten sich ergeben und wurden von den eigenen Leuten auf der Stelle erschossen. Von zwei erfundenen Verrätern blieb im gedruckten Artikel schließlich nur einer: Die Zensur fand zwei Feiglinge in einer Kompanie einfach zu viel. Die Namen der angeblich Gefallenen entnahm der Autor einer Verpflegungsliste. Die Geschichte verselbständigte sich schnell und fand sich noch während des Kriegs in mehreren Büchern, Gedichten und Liedern wieder.

          Die Journalisten der „Krasnaja Swesda“ waren sich völlig im Klaren darüber, was sie taten: Mit einem starken Vorbild wollten sie die Kämpfer an der Front zur Selbstaufopferung ermutigen. Interessanterweise wurde niemand von den Beteiligten bestraft. Selbst der Kollaborateur Dobrobabin konnte von seinem Status als hochdekorierter Kriegsheld profitieren: Sein Urteil, 15 Jahre Lager, war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich mild, nach sieben Jahren wurde er begnadigt.

          Mythen werden wichtiger, als die Wahrheit

          Die Veröffentlichung dieser Unterlagen ist an sich keine Sensation: Ihre Existenz und ihr Inhalt sind längst bekannt und stehen in einer sehr langen Reihe ähnlicher Enthüllungen. Sensationell ist die öffentliche Reaktion. Bisher wurden solche Publikationen vom konservativen Teil der Gesellschaft als liberale Fälschungen abgetan und von den Liberalen als ein weiterer Beweis sowjetischer Verlogenheit gleichgültig zur Kenntnis genommen. Diesmal wird an der Echtheit der Dokumente nicht gezweifelt. Das Leitmotiv der neuen Kritik lautet: Wir brauchen keine Wahrheit, wenn sie unser Selbstbild in Frage stellt.

          So gierig die russische Gesellschaft in der Zeit von Glasnost und Perestrojka nach der Wahrheit war, so besessen ist sie jetzt nach der Stabilität und Unerschütterlichkeit ihrer Identität. Sogar konservative Intellektuelle erklären auf einmal programmatisch: Unsere Mythen sind uns wichtiger als die Wahrheit. Der Philosoph und Rektor einer Petersburger Universität Aleksander Sapessotskij spricht von der „schändlichen Mode, Heldentaten anzuzweifeln“, und sagt: „Wir wurden im Geiste der zahlreichen Selbstaufopferungen für die Heimat erzogen. Wenn etwas, woran wir glauben, zur Lüge erklärt wird, dann ist unsere Entrüstung mehr als berechtigt.“

          Kritik von allen Seiten

          Es gab, führt der Professor fort, viel mehr als 28 Tote, und selbst wenn Panfilows Division ganz woanders kämpfte, darf man die Geschichte unserer Heimat nicht mit „Enthüllungen“ schänden. Kulturminister Wladimir Medinskij äußerte sich dazu noch viel deutlicher: „Diejenigen, die mit ihren dreckigen fettigen Fingern in der Geschichte von 1941 herumwühlen, sollte man mit der Zeitmaschine in die Gräben von damals mit einer Handgranate gegen faschistische Panzer schicken. Meine Überzeugung: Man soll mit dem widerlichen Beschmutzen dieses Themas aufhören.“

          Das Pikante an der Situation ist, dass das Kulturministerium den Dreh eines Films über die 28 Panfilow-Helden mitfinanziert. Der Regisseur Andrej Schaljopa denkt nicht im Traum daran, etwas am Drehbuch zu verändern: „Das ist der Versuch, die geistigen Stützen des Volkes zu zerstören.“ Als der staatliche Sender „Rossija-24“ eine Meldung über die veröffentlichten Unterlagen ausstrahlte, tobten die Zuschauer in den sozialen Netzwerken: „Ihr seid jetzt Handlanger der Faschisten und der Amerikaner.“ Zur selben Zeit verurteilte ein Gericht das einzige russische GULag-Museum im ehemaligen Lager Perm-36 zu einer Geldstrafe, weil es sich nicht in die Liste „ausländischer Agenten“ beim Justizministerium eintrug.

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