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Vergangenheitsbewältigung : Ich habe den Krieg überlebt

  • -Aktualisiert am

Louis Begley in seiner Wohnung in New York Bild: Helmut Fricke

Beim deutschen Überfall auf Polen vor achtzig Jahren war er ein jüdischer Junge. Das Leid seines Landes wird er nie vergessen – und glaubt doch an das Gesicht des neuen Deutschlands. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Jahrestage! Grußkarten, Geschenke, Glückwünsche, Toasts, Geburtstagsfeiern und Hochzeitstage.Wenn es der Todestag unserer Eltern ist, gehen wir auf den Friedhof und legen ihnen Blumen oder, falls wir Juden sind, Kieselsteine auf das Grabmal. Steine, glaubt man, überdauern alle Zeiten und sorgen so dafür, dass unsere Eltern nicht vergessen werden. Jetzt, im Herbst 2019, stehen wir kurz vor dem dreißigsten Jahrestag eines Ereignisses, das für die überwiegende Mehrheit der Deutschen große Freude und Erleichterung bedeutete: Das war der Zusammenbruch des DDR-Regimes, der Fall der Berliner Mauer und wenig später die Wiedervereinigung Deutschlands. Diese Vereinigung ist ein Ereignis, das ich nur als bittersüße Coda der globalen Katastrophe ansehen kann, die Deutschland mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 lostrat.

          Achtzig Jahre danach, am Sonntag, dem 1. September 2019, bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Warschau in einer bewegenden Rede um Vergebung für diesen Überfall und für das, was daraus folgte. Er sagte, Deutschland werde den Terror, den es über Polen gebracht habe, niemals vergessen; er verneige sich in Trauer vor dem Leid der polnischen Opfer und bitte um Vergebung. Ein Reuebekenntnis, nicht unähnlich dem Kniefall Willy Brandts am 7. Dezember 1970, nachdem er einen Kranz niedergelegt hatte am Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Getto vom April 1943, den SS und andere deutsche Streitkräfte (Polizei und Wehrmacht) brutal niedergeschlagen hatten.

          Starke Gefühle

          Willy Brandts Kniefall befreite Köpfe und Herzen in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten so weit vom Misstrauen, dass sie annehmen konnten, „gute Deutsche“ hätten der Nazi-Ideologie und den Naziverbrechen abgeschworen. Er bewirkte, dass sogar Menschen, die die deutsche Besatzung in Mittel- und Osteuropa selbst miterlebt hatten, jetzt – allerdings oft mit Furcht und Zittern – den Mauerfall und die Wiedervereinigung begrüßen konnten, die eine Wiedergeburt Deutschlands als Weltmacht ankündigte. Mich bewegen starke Gefühle, wenn ich davon spreche. Beim deutschen Überfall vor achtzig Jahren war ich ein jüdischer Junge, hatte noch fünf Wochen bis zu meinem sechsten Geburtstag und lebte in Polen. Dort habe ich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz den Krieg überlebt.

          Nach dem Krieg, Mitte der fünfziger Jahre, war ich ungefähr achtzehn Monate lang als amerikanischer Soldat auf deutschem Boden stationiert. Ich triumphierte in der Siegerrolle, war froh über die Zerstörung der deutschen Großstädte und die Demoralisierung oder auch Demütigung der Deutschen, denen ich begegnete. Erst viel später, in den achtziger Jahren, als die Mauer noch stand, reiste ich als Anwalt im Interesse von Mandanten nach Deutschland und stellte mich langsam, aber unumkehrbar darauf ein, dass die Deutschen in meinem Alter oder auch etwas Ältere, mit denen ich zu tun hatte, keine Komplizen der deutschen Kriegsverbrecher gewesen waren und genauso gute und ehrenhafte Menschen sein konnten wie meine Bekannten in anderen Ländern, sogar in den Vereinigten Staaten.

          Sosehr auch die Schuld ihrer Großväter, Väter und Onkel meinen Altersgenossen auf der Seele lag, war es doch nicht ihre Schuld. In ihren Genen war sie nicht enthalten. Als meine Romane im Lauf der folgenden Jahrzehnte in Deutschland veröffentlicht wurden, haben sich für mich nach und nach sehr herzliche Freundschaften mit vielen Deutschen ergeben. Zuerst die mit einem Giganten, Siegfried Unseld, meinem Verleger, dem Chef des Suhrkamp-Verlages. Jetzt kann ich ohne Zögern sagen, dass ich in dem Deutschland, das ich sehe und kenne, kein Hitlerdeutschland wiedererkenne.

          Das Gesicht des neuen Deutschlands

          Was nehme ich stattdessen wahr? Eine Nation, die durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – vor allem das visionäre Werk der großen Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die durch den Kalten Krieg entstandene geopolitische Lage, die außergewöhnlichen Anstrengungen der Deutschen, die mit aller Kraft am Wiederaufbau ihres Landes arbeiteten – ihre Stellung als eine der drei führenden europäischen Mächte wiedergewann und zu einer treibenden Kraft wurde, der die lang anhaltende Periode von wirklichem, allerdings ungerecht verteiltem wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand weitgehend zu verdanken ist.

          Das Gesicht des neuen Deutschlands

          Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für mich das Gesicht dieses neuen guten Deutschlands, eines Landes, das seinen noblen humanistischen Traditionen treu blieb, und ihr Lebensweg ist in meinen Augen zugleich Beweis und Symbol für die im Wesentlichen erfolgreiche deutsche Wiedervereinigung. Frau Merkel hat man vorgeworfen, dass sie 2015 Deutschlands Grenzen für eine übermäßig hohe Zahl von Flüchtlingen, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, öffnete, eine Entscheidung, die, so sagte sie, wegen der außergewöhnlichen Umstände des Krieges und der humanitären Katastrophe in diesen Ländern zwingend war. Konfrontiert mit harscher Kritik, erwiderte sie, alle die wichtigen Entscheidungen von 2015 würde sie wieder treffen.

          Ich unterschätze weder die extremen Schwierigkeiten, die mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft verbunden sind, noch die Gefahr, die der Machtgewinn der AfD darstellt, einer Partei, die vom Fremdenhass jener Deutschen profitiert, die sich vom generellen wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes ausgeschlossen fühlen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Land auch in Zukunft noch lange auf die verlässliche moralische Qualität von Frau Merkels Führungsstil stolz sein kann.

          Aus dem Englischen von Christa Krüger

          Louis Begley, 1933 als Ludwik Begleiter in Polen geboren, emigrierte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Er arbeitete bis 2004 als Wirtschaftsanwalt in New York. Als Schriftsteller ist er seit seinem Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ weltweit bekannt. Am 11. November erscheint sein neuer Roman „Killers’s Choice“ im Suhrkamp-Verlag.

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