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Londons „Elizabeth Line“ : Erfolg auf der ganzen Linie?

Sie sieht die Visionen der viktorianischen Eisenbahnpioniere zur Vollendung gebracht: Königin Elisabeth weihte am 17. Mai die nach ihr benannte Strecke ein. Bild: AP

Ein gigantisches Londoner Projekt kommt zum Abschluss: Die „Elizabeth Line“, erdacht in den siebziger Jahren, steht in großer Tradition und bringt große Entlastung für den Verkehr.

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          Bauverzögerungen bedeuten in der Regel Mehrkosten. Sie können aber auch vorteilhaft sein, wie sich am Beispiel des Mammutprojekts einer in bis zu vierzig Metern Tiefe von Berkshire und Buckinghamshire im Westen nach Essex im Osten verlaufenden Schnellfahrstrecke quer durch die Eingeweide der Londoner Innenstadt zeigt. Die bereits im neunzehnten Jahrhundert erwogene Nahverkehrsverbindung hatte seit 1974, als der Plan zur Entlastung des strapazierten Verkehrsnetzes sich langsam zu konkretisieren begann, den Arbeitstitel „Crossrail“. Der Labour-Verkehrsminister Lord Adonis, der 2009 den ersten Spatenstich zuwege brachte, wollte die neue Trasse nach Winston Churchill benennen, weil „er eine große Londoner Figur war und London gerettet hat“. Trotz seiner Bewunderung für den Kriegspremier setzte sich Boris Johnson, damals noch Bürgermeister, jedoch mit der royalistischen Bezeichnung „Elizabeth Line“ durch.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Er konnte nicht ahnen, dass die ursprünglich für 2018 vorgesehene Inbetriebnahme nach mehrfachen Aufschüben und einer Kosteneskalation von 14,8 Milliarden Pfund auf fast neunzehn Milliarden Pfund schließlich mit dem siebzigsten Thronjubiläum zusammenfallen würde. Damit hat die Namensgebung an symbolischer Prägnanz gewonnen. Und Johnson, der große Überlebenskünstler, dem oft nachgesagt wird, er habe höllisches Glück, kann als Premierminister nun unverhofft die Früchte seiner Saat ernten: ein System, das die Kapazität des Londoner Verkehrsnetzes um zehn Prozent steigert, Reisezeiten verkürzt und Nutzer bis ins nächste Jahrhundert tragen soll, während die ältesten Teile des U-Bahn-Netzes inzwischen drei Jahrhunderte überspannen.

          Die beiden Politiker machten gute Miene zum bösen Spiel

          Sadiq Khan, Johnsons Nachfolger im Bürgermeisteramt, will allerdings auch etwas Glanz abbekommen. Der Labour-Politiker erhielt vom Verkehrsminister Grant Shapps eine scharfe Rüge, als er das lange geheim gehaltene Eröffnungsdatum der zentralen Tranche der 118 Kilometer langen Elizabeth Line unmittelbar vor den Kommunalwahlen bekannt gab. Khan verband die Ankündigung mit der triumphalen Aussage, dass die „signifikanteste Ergänzung des Transportnetzes seit Jahrzehnten“ den Verkehr in der Hauptstadt und im Südosten revolutionieren und die Wirtschaft des ganzen Landes ankurbeln werde, als sei dies sein Verdienst. Shapps warf ihm „atemraubenden politischen Zynismus“ vor und zeigte ihn bei der Wahlkommission an.

          Die beiden Politiker machten gute Miene zum bösen Spiel, als sie Anfang dieser Woche zur offiziellen Einweihung der Strecke durch die Königin gemeinsam mit Boris Johnson eine Probefahrt unternahmen. Der Premierminister redete sich mit dem üblichen Überschwang seines „Boosterism“ in ein Loblied auf den öffentlichen Verkehr hinein und malte bereits die Vorzüge der vorerst auf Eis gelegten Nord-Süd-Achse aus, die als Chelsea-Hackney-Linie oder „Crossrail 2“ ebenfalls seit Jahrzehnten im Gespräch ist. Als Margaret Thatcher Anfang der neunziger Jahre zwischen den beiden Strecken zu wählen hatte, bevorzugte sie aus politischem Kalkül die West-Ost-Verbindung. Gegen das Chelsea-Hackney-Projekt soll aus ihrer Sicht gesprochen haben, dass die „Art von Menschen“, die „draußen in Hackney“ wohnten, bestimmt nicht die Tories wählten. Dahingegen reizte bei der West-Ost-Linie die Aussicht auf finanzielle Unterstützung von den auf den Anschluss ans Verkehrsnetz erpichten Bauträgern des Stadterneuerungsprojektes Canary Wharf im ehemaligen Hafengebiet den marktwirtschaftlichen Instinkt der Premierministerin.

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