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Mary-Wollstonecraft-Denkmal : Die Feministin muss nackt sein

  • -Aktualisiert am

Mary Wollstonecroft als Akt der Zeit enthoben – aber zu wohlgeformt? Bild: AFP

Als Frauenrechtlerin und Feministin machte sich Mary Wollstonecraft im 18. Jahrhundert einen Namen. Heute soll ihr Andenken mit einer Statue geehrt werden – mit der Gestaltung sind aber nicht alle glücklich.

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          Bei der Suche nach einer angemessenen Form für das Denkmal für Honoré de Balzac kam Rodin die Idee, den untersetzten Körper des Schriftstellers in einen Morgenmantel zu stecken statt in bürgerliche Kleidung. Mit den leer herunterhängenden Ärmeln verleiht die weite Robe ihm etwas Zeit-, fast Schwereloses. Zudem lenken deren steil aufsteigenden Falten den Blick direkt auf den monumentalen Kopf. Rodin wollte Balzac im Akt der Schöpfung erfassen, „atemlos, das Haar in Unordnung, die Augen gedankenverloren auf einen Traum geheftet; ein Genie, das in seinem kleinen Raum Stück für Stück eine ganze Gesellschaft erzeugt, um sie zu stürmischem Leben zu erwecken“.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Längst hat man darin eine Allegorie kreativer Kraft erkannt. Als der Bildhauer die Gipsfigur 1898 vorstellte, fiel die Kritik mit nennenswerten Ausnahmen wie Oscar Wilde, Claude Monet und Paul Cézanne hingegen über ihn her. Der Auftrag wurde einem anderen Bildhauer zugeteilt. Es dauerte vierzig Jahre bis Rodins überlebensgroße Bronzefigur am Boulevard Raspail aufgestellt wurde.

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          Ähnlich scharf wie damals gehen nun vor allem Feministinnen mit der britischen Künstlerin Maggi Hambling ins Gericht, deren allegorisches Denkmal der als Vorreiterin der Frauenrechtsbewegung gehuldigten Mary Wollstonecraft jetzt im Norden Londons enthüllt wurde. Es steht nicht weit von dem Mädcheninternat, das die Verfasserin des 1792 veröffentlichten Traktats „A Vindication of the Rights of Women“ und im Kindbett gestorbene Mutter von Mary Shelley, der Autorin von „Frankenstein“, in jungen Jahren führte. Hamblings etwa zwei Meter hohe Skulptur aus silbriger Bronze besteht aus einer wirbelnden Masse emporstrebender weiblicher Formen, der eine kleine wohlgeformte, splitternackte Frau aufgestülpt ist – zu wohlgeformt, bemängeln die Kritikerinnen, die sich gegen das idealisierte Frauenbild wenden und unter anderem spotten, die Figur sehe wie eine Barbie-Puppe aus.

          Auch die Nacktheit finden sie empörend. In Online-Kommentaren fällt refrainhaft die sarkastische Frage, seit wann männliche Größen unbekleidet auf den Sockel gehoben würden. „Namenlos, nackt, konventionell, attraktiv ist die einzige Form, in der Frauen in öffentlichen Skulpturen je annehmbar waren“, schimpft die Romanschriftstellerin Imogen Hermes Gowar und spricht von einer verpassten Chance. Der Zorn ist umso heftiger, da dies das erste Denkmal für die Autorin ist, die mit ihrer Forderung nach dem Recht auf Bildung für Frauen den Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter aufnahm. Es hat zehn Jahre gedauert, bis die Gelder zusammenkamen und das Projekt umgesetzt werden konnte.

          Maggi Hambling ist Kritik gewöhnt. Ihr 2003 errichtetes Denkmal für Benjamin Britten in Form einer vier Meter hohen Jakobsmuschel am Strand von Aldeburgh ist immer wieder beschädigt worden. Und bis heute erregen sich die Gemüter über ihr 1998 enthülltes Denkmal für Oscar Wilde, der rauchend wie in einem steinernen Sarg gefangen ist.

          Die Bildhauerin indes begreift ihr Denkmal als geistige Verkörperung der feministischen Ikone. Als Repräsentation von jederfrau müsse sie nackt sein, um gegenwärtig zu wirken, statt durch die historische Kleidung definiert zu werden, die Figuren in die Geschichte verbanne. Wie Rodins Auftraggeber wünschten sich die Spender jedoch eine physische Darstellung, keine Allegorie von jederfrau.

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