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Literatur und Wetter : Wenn die Erde kein sicherer Ort mehr ist

Diagramm der Meteorologie von 1846, gezeichnet und gestochen von John Emslie, mit verschiedenen atmosphärischen Erscheinungen und deren Auswirkungen. Bild: John Emslie

Smalltalkthema und Stimmungsrequisite: Was weiß die Literatur vom Wetter, was die Meteorologie nicht weiß? Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Michael Gamper.

          7 Min.

          Mark Twain kündigt am Anfang von „The American Claimant“ von 1892 an, dies werde der erste Roman überhaupt sein ohne Wetterdarstellung – was dann doch nicht gelingt. Gibt es erzählende Literatur ohne mindestens eine Erwähnung des Wetters?

          Denkbar wäre das schon. Aber tatsächlich ist es für Literatur, die im weitesten Sinne einer realistischen Tradition angehört, schwierig, das Wetter ganz auszulassen. Denn wir glauben, ihm immer ausgesetzt zu sein, und es ist ein zunehmend trivialisiertes Gesprächsthema geworden. Über das Wetter zu reden steht ja für die nichtssagende Alltagsunterhaltung schlechthin. Wetter ist allgegenwärtig in unserer Welt und unseren Gesprächen. Das macht es zu einem der prominentesten Gegenstände der Literatur – und zu einem der unbedeutendsten zugleich.

          Unbedeutend inwiefern?

          Protagonist oder bedeutungstragendes Element ist das Wetter ja eher selten. Gängig ist, es als Teil von Schauplatzschilderungen, als Hintergrundmotiv, Stimmungsrequisite oder belanglosen Gesprächsgegenstand auftreten zu lassen. Damit bildet es meist bloß den Umstand des sonstigen Geschehens. Doch Wetter kann auch unscheinbar bedeutsame erzählerische Funktionen übernehmen, etwa als Spiegel der Seele, wie es seit der Romantik üblich geworden ist. Oder sehr offensichtlich, wenn ein Gewitter die Handlung in neue Bahnen lenkt.

          Wie kamen Sie als Literaturwissenschaftler aufs Wetter?

          Länger schon interessiere ich mich dafür, wie Literatur mit Lücken im wissenschaftlichen Wissen umgeht, mit unsicherem Wissen, Nichtwissen. Dabei stieß ich auf eine Fülle literarischer Texte, die ein Wissen vom Wetter zum Thema machen. Natürlich gibt es auch literarische Wetterdarstellungen, die unabhängig sind von Entwicklungen der Meteorologie – bei Shakespeare etwa ist das Wetter oft ein Motiv von großer Symbolkraft. Mich aber hat vor allem fasziniert, wie Literatur sich, seitdem die Meteorologie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine wichtige Naturwissenschaft wurde, zunehmend auf sie bezogen hat. Ich wollte herausfinden, wie Literatur auf die Wissenschaft vom Wetter reagiert, was sie dieser auch entgegensetzt.

          Was setzt sie ihr denn entgegen?

          Sie kann ein eigenes Wissen vom Wetter hervorbringen, indem sie Bezug auf – wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches – Wetterwissen außerhalb der Literatur nimmt. Oder indem sie anspricht, was anderswo nicht erfasst wird, beispielsweise soziale und individuelle Effekte des Wetters. Das nenne ich „literarische Meteorologie“. Die findet sich bereits eher unauffällig in Gedichten von Friedrich Gottlieb Klopstock oder dann sehr prominent bei Goethe, der sich seit seinen frühen Hymnen mit dem Wetter auseinandergesetzt hat, später ja auch selbst me­teorologisch geforscht und publiziert hat und als Minister ein Messnetzwerk für Wetterdaten in Sachsen-Weimar-Ei­senach hat ausbauen lassen.

          Michael Gamper ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2016 „Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas“ im Wallstein Verlag. 2021 hat er zusammen mit Urs Büttner „Verfahren literarischer Wetterdarstellung. Meteopoetik – literarische Meteorologie – Meteopoetologie“ im De Gruyter Verlag herausgegeben.
          Michael Gamper ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2016 „Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas“ im Wallstein Verlag. 2021 hat er zusammen mit Urs Büttner „Verfahren literarischer Wetterdarstellung. Meteopoetik – literarische Meteorologie – Meteopoetologie“ im De Gruyter Verlag herausgegeben. : Bild: privat

          Wie sieht literarische Meteorologie in Texten aus?

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