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Geschichte Litauens : Leiden macht uns nicht besser

Die litauische Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Irena Veisaite bei der Verleihung der Goethe-Medaille.

Doch wo sollte sie anfangen? Irena Veisaite fing beim Nichtverstehen dieses Verbrechens an und gelangte von dort zum zweiten, ebenso großen Nichtverstehen, als nämlich die Ermordung der „Litwaks“ – so der jiddische Name für die litauischen Juden – nach Kriegsende in der Sowjetunion verkleinert, verzerrt und vertuscht wurde. Und so, wie Veisaites Familie von den Nazis ausgelöscht wurde, verschleppte oder vernichtete Stalins Gulag viele ihrer Freunde. Auch ihre zweite Mutter, die Frau, die das Mädchen aufnahm und versorgte, wurde nach Sibirien deportiert – vergleichbar dem Schicksal von Dalia Grinkeviciute, deren spät entdecktes Überlebensbuch „Aber der Himmel – grandios“(deutsch 2014) zu einem der wichtigsten litauischen Titel der Gegenwart wurde.

Liebe zur deutschen Kultur hat den Holocaust überstanden

Ein paar Erkenntnisse hat Irena Veisaite dabei gewonnen: dass der Versuch, die Ereignisse von damals zu verstehen, nie aufhört. Dass sich die Leiden verschiedener Menschen in verschiedenen Situationen nicht vergleichen lassen. Dass Leiden keine Rechtfertigung darstellt, sich als Opfer aufzuspielen. Und dass niemals ein ganzes Land für das haftbar zu machen ist, was einzelne Menschen getan haben. „Ich bin Jüdin“, sagt sie, „ich bin Litauerin, und ich bin Europäerin. Das sind meine Identitäten.“ Ihre Liebe zur deutschen Kultur hat dabei die schrecklichsten Erlebnisse überstanden. „Deutschland ist heute ein Vorbild dafür, wie man mit einer sehr schweren Vergangenheit umgeht.“

Kurz nach der Unabhängigkeit 1990 hat Litauen in der Hauptstadt einen Gedächtnisort eingerichtet, der für die Identität des heutigen EU-Mitglieds zentral ist: das Museum der Opfer des Genozids. Das große Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, kaum zehn Gehminuten vom Parlament entfernt, diente sowohl dem KGB als auch der Gestapo für Verhöre, Folter und Erschießung politischer Häftlinge. „KGB-Museum“ heißt es im Volksmund. Besucher können die elenden Sammelzellen besichtigen, in denen jeweils fünfzehn bis zwanzig Missliebige zusammengepfercht wurden. Sie sehen die als „Kisten“ berüchtigten Einzelzellen und erfahren, dass manche Gefängniswände achtzehn Mal übermalt wurden, um die verzweifelten Kritzeleien der vom Stalin-Regime Eingesperrten zu überdecken. Sie schauen in Schreibstuben mit Uniform, Mütze und Telefon und ahnen den bürokratischen Alltag der Repression. Und dann sehen sie noch den Hinrichtungsraum, in dem zwischen 1944 und den frühen sechziger Jahren mehr als tausend Litauer, die sich des antisowjetischen Widerstands verdächtig gemacht hatten, erschossen wurden. Das Genozid-Museum ist ein Ort eher einseitigen Gedenkens – und der Heroisierung des eigenen Landes.

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