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Links in Krisenzeiten : Rot stellt sich tot

Ja, wo ist er denn? Kein Krisenbonus für Lafontaines Linkspartei Bild: ddp

Der gegenwärtige Ernstfall, so scheint's, ist den Linken nur Anlass, um eigene Lähmungserscheinungen auszumalen, nicht aber, um andere Ordnungsvorstellungen ins Spiel zu bringen. Wie die Linke ihre Chance vertut.

          Wie ist der Totalausfall der Linken zu erklären? Der Totalausfall der linken Partei, aber eben auch einer links inspirierten intellektuellen Szene? Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Gesellschaftskritik in ihrem Element sein könnte. Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Gelegenheit, um die Entnaturalisierungen kapitalistischer Naturgesetze zu betreiben? So sollte man meinen. Aber kein revolutionäres Tönchen weit und breit. Rot stellt sich tot.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Erst gestern haben es neueste Umfragen noch einmal bestätigt: Die Linkspartei, die gerade erst ihren Durchbruch im Westen der Republik gefeiert hatte, stagniert bei zehn Prozent. Für Lafontaines Bewegung kein Krisenbonus weit und breit. „Der Gesinnungsfundamentalismus und die ,Antikapitalistische Linke' mögen sich vorübergehend bestätigt fühlen; die in der Krise unabdingbare konkrete Problemlösungskompetenz dieser Strömung tendiert jedoch gegen Null“, heißt es im Leitartikel der traditionell linken „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Seine Überschrift lautet: „Die Lähmung der Linken“. Der Ernstfall, so scheint's, ist den Linken nur Anlass, um eigene Lähmungserscheinungen auszumalen, nicht aber, um andere Ordnungsvorstellungen ins Spiel zu bringen.

          Bloß nicht konkret werden

          Ja, man hat den Eindruck, nichts scheue linke Kulturkritik im Augenblick so sehr wie dies: konkret zu werden. Man könnte ja in die Verlegenheit kommen, die neue postkapitalistische Welt, von der man träumt, mit Sachverstand ausbuchstabieren zu müssen. Da palavert man lieber mit über Konjunkturpakete (darf Seehofer noch eines draufsatteln?), Managergehälter (soll der neue Bahnchef wie ein Studienrat bezahlt werden?) und Opel (ist die Rettung systemrelevant?). Sieht man richtig, so macht die Wirtschaftskrise die Krise der linken Kulturkritik recht eigentlich erst offenbar. Lieber bleibt man dort den Perspektiven verhaftet, die die Politik vorgibt, als den Versuch zu unternehmen, sie kulturell zurechtzurücken, also ökonomistische Rationalitätsannahmen begründet in Frage zu stellen.

          Nur er nimmt die mangelnde Problemlösungskompetenz einer enthistorisierten politischen Ökonomie aufs Korn: Eric J. Hobsbawn

          Wo etwa bleibt die fundierte Kritik an der Wissenschaft der politischen Ökonomie, deren Lehrbücher doch die Drehbücher der gegenwärtigen Krise sind? Tatsächlich ist es das naturgesetzliche Gebaren dieser Wissenschaft, das es nachhaltig zu erschüttern gilt. Aber wer macht den Erschütterer? Wer stellt sich hin und weist einmal systematisch die Regellosigkeit des geregelten Wirtschaftens nach? Wer sagt: Die politische Ökonomie ist nackt, ihre Lehrbücher müssen umgeschrieben werden? Wer erklärt zum Beispiel, dass der sakrosankte Lehrbuchbegriff des Wettbewerbs in der Realität nur als verzerrter Wettbewerb zu finden ist, untergraben von Subventionen der verschiedensten Art? Es ist bis heute eine der am lautesten beschwiegenen Tatsachen, dass die Kluft zwischen wissenschaftlicher Selbstbeschreibung und praktischem Vollzug nirgends so groß ist wie im ökonomischen System.

          Diese Chance kommt so schnell nicht wieder

          Warum sagt das vernehmbar nur der Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm, wenn er die mangelnde Problemlösungskompetenz einer enthistorisierten politischen Ökonomie aufs Korn nimmt, ihr kontrafaktisches Modelldenken? Aktuell ist eine einzige Arbeit - „Rationalität und ökonomische Methode“ - erschienen, die es unternimmt, ökonomische Modelle in ihre Grenzen zu weisen, ihnen philosophisch-wissenschaftstheoretisch zu Leibe zu rücken, ihre Anfälligkeit für falsche Schätzungen und verzerrende Idealisierungen zu zeigen. Und ihr Autor, Thies Clausen, ist nicht etwa ein revolutionärer Linksintellektueller, sondern bürgerlich inspirierter Schüler seines philosophischen Doktorvaters Julian Nida-Rümelin.

          Links dagegen ist hilfloses Herumdoktern am System systemisch geworden. Symptomatisch etwa die unausgegorene Art, mit der man einerseits gegen Wirtschaftswachstum ist, andererseits sich an der Vorstellung eines grünen Gesellschaftsvertrags, eines grünen New Deal aufrichtet. Wie soll diese vernünftige Idee, grüne Anreize des Wirtschaftens zu setzen, umgesetzt werden, wenn man - wie merkwürdigerweise jüngst auch der Bundespräsident - gleichzeitig der Wirtschaft ihr Wachstum nicht zubilligen will? „Aus Sicht vieler Unternehmen ist der grüne Kapitalismus genau deshalb interessant, weil er eine neue Wachstumsdynamik auszulösen verspricht“, wird in den erwähnten „Blättern für deutsche und internationale Politik“ erklärt. Statt nun aber an die Bereitschaft solcher Unternehmen anzuknüpfen, heißt es, man dürfe mit dem Kapitalismus auch auf der grünen Schiene nicht paktieren, da er nun mal „auf Wachstum abstellt“. So erstickt antikapitalistische Dogmatik die Wirtschaftskompetenz im Keim. Nullwachstum auch bei der Lernfähigkeit.

          Die Linke ist gerade dabei, eine historische Chance zu vertun. Die Chance, sich von ihrem ideologischen Ballast zu befreien, kommt so schnell nicht wieder. Warum nutzt sie diese Chance nicht mit links?

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