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Linker Populismus : Frankreichs Grüne machen die Kultur klein

Die Wahl in Lyon hat er gewonnen, und jetzt legt er los: Grégory Doucet von den französischen Grünen. Bild: Archiv

Frankreichs Kultur droht der Populismus von links: Die Grünen haben in acht großen Städten die Kommunalwahl gewonnen. Jetzt räumen sie auf und verteilen um. Der geschmähten „Hochkultur“ geht es an den Kragen.

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          „In den Programmen der französischen Grünen ist viel von Permakultur, aber nur wenig von Kultur schlechthin die Rede“, stellt die Tageszeitung „Libération“ mit einigem Erstaunen fest. Die Homepage von „Europe Ecologie Les Verts“ (EELV) bestätigt diesen Eindruck. In der Rubrik „Kleine Partei, große Ideen“ geht es um die Tiere und die Natur. Um die Frauen, den Frieden, Europa und die soziale Gerechtigkeit. Nicht um Kultur. Bei der Präsidentenwahl von 2017 präsentierten die Grünen eine Liste der Prioritäten, auf der sie erst an dreißigster Stelle auftauchte: „Kultur für alle. Ein Prozent des Staatshaushalts für die Kultur.“ Dieses „Kulturprozent“ war von den Sozialisten vor einem halben Jahrhundert eingeführt worden. Es stand für das utopische Versprechen einer „Kultur für alle“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das plötzliche Interesse für die kulturpolitischen Vorstellungen der französischen Grünen hat einen Grund: Seit dem vorletzten Wochenende regieren sie Marseille, Lyon, Bordeaux, Straßburg, Besançon, Poitiers, Tours, Annecy – Städte, die zwanzig und mehr Prozent ihres Haushalts für Kultur aufwenden. Um zu erahnen, was die Metropolen der Provinz erwartet, blickt Frankreich nach Grenoble, das 2014 mit Eric Piolle einen grünen Bürgermeister bekam. Jetzt wurde er wiedergewählt.

          Nach seinem Amtsantritt hatte Piolle den Aushang von Plakaten verboten und Grenoble zur ersten werbefreien Stadt Europas gemacht. Den von Marc Minkowski geleiteten „Musiciens du Louvre“ strich er die städtischen Subventionen, den Beitrag für die renommierte „Maison de la Culture“ kürzte er. Ein Konzertsaal und zwei Bibliotheken wurden geschlossen. Dafür begründete Piolle ein Street-Art-Festival und eine Kirmes. Der Regisseur und Dramatiker Joël Pommerat kritisierte diese neue Kulturpolitik als „populistisch und liberal“, das heißt: kommerziell.

          Grégory Doucet, der neue Bürgermeister von Lyon, will in den Schulen nur noch Bio-Essen servieren lassen. Zur Hälfte muss es von lokalen Produzenten bezogen werden – doch nur sechs Prozent der Bauern verzichten auf Chemie. Die Umgebung der Schulhäuser wird autofrei, der Pausenplatz begrünt. Doucet schwebt eine „kindergerechte Stadt“ vor. Sein Amt hat er vom Sozialisten Gérard Collomb, der in Lyon seit zwanzig Jahren als Bürgermeister herrschte und als seinen Nachfolger einen Republikaner unterstützt hatte, übernommen.

          Als „erste symbolische Maßnahme“ verspricht Doucet ein Corona-Hilfsprogramm von vier Millionen Euro für die Kultur. Auch in Lyon geht es darum, deren Kollaps zu verhindern. Neue städtische Kulturdezernentin ist Nathalie Perrin-Gilbert. Sie steht dem linksextremen „Unbeugsamen Frankreich“ nahe. Das Kulturbudget werde beibehalten, verspricht Doucet. Doch es werde eine „Umverteilung“ geben. „Die Bühnenbilder der Oper sind sehr teuer und werden nur für wenige Aufführungen verwendet“, hatte er vor der Wahl in einem Interview gesagt. Nathalie Perrin-Gilbert hält es auch für unverantwortlich, mit dem Geld der Steuerzahler die Spitzengehälter der Intendanten und die Gagen der Solisten zu finanzieren. Von der Oper hat sie bereits Einsicht in die Buchhaltung verlangt. Bis zum Ende des Jahres muss ein neuer Direktor des Théâtre de la Croix-Rousse ernannt werden. Die Stadt finanziert es zusammen mit der Region, die ihre Subventionen kürzen will.

          Lyons Stadtregierung plant „Generalstände für die kulturellen Rechte“. Sie sind das neue Schlagwort der Kulturpolitik, die sich vermehrt nach den Vorlieben, Ansprüchen, Bedürfnissen der Bevölkerung ausrichten müsse. In Bordeaux wurde ihre Durchsetzung von einer Petition gefordert. Bürgermeister Pierre Hurmic teilt das „große Unbehagen“, dem er mit einer Befragung der Bevölkerung entgegentreten will. Der Oper hat er einen Hang zum „Elitären“ unterstellt. Auch in Marseille, wo seit 25 Jahren der Republikaner Jean-Claude Gaudin regiert hatte, und in Straßburg wird das jeweilige Opernhaus zum ersten kulturpolitischen Testfall für die neuen grünen Bürgermeisterinnen. In Paris hat die Bastille-Oper nach Streik und Lockdown fünfzig Millionen Euro Schulden.

          Noch regnet es Helikoptergeld auf die Kultur. Zwei Tage vor dem Rücktritt von Regierungschef Edouard Philippe hatte der zuständige Minister Franck Riester zwei weitere Corona-Milliarden angekündigt. Riester wird die Regierungsumbildung aber kaum überleben. Die Abwertung der staatlichen Kulturpolitik ging auch unter Macron weiter. Aus Enttäuschung über ihn wählte die Kulturszene die Grünen. Jetzt fürchtet sie sich vor ihrer Enteignung.

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