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Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Versuch von Linkedin : Experiment mit 20 Millionen Nutzern

Blick in die App: Die App schaut zurück. Bild: picture alliance / NurPhoto | Artur Widak

Finden Leute leichter über engere oder eher über lockere Kontakte einen neuen Job? Die Frage selbst ist fünfzig Jahre alt – das Ausmaß, mit dem sich Linkedin an eine Antwort gemacht hat, ist erstaunlich.

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          Selbstverständlich, beeilt Linkedin, das berufsbezogene soziale Netzwerk mit weltweit 830 Millionen Mitgliedern, sich klarzustellen, habe auch dieses Experiment unter Wahrung der Nutzungs- und der Datenschutzbestimmungen sowie der jeweiligen Nutzereinstellungen stattgefunden. Natürlich, ist seit Jahren auf der Website des Unternehmens zu lesen, arbeite Linkedin fortwährend an der Verbesserung seiner Angebote, indem es Neuerungen teste. Ausgeschlossen seien dabei allerdings Experimente, die von den Nutzern vorgenommene Einstellungen außer Kraft setzten oder zum Ziel hätten, die Stimmungen oder Gefühle der Mitglieder zu beeinflussen oder ein negatives Nutzungserlebnis zu erzeugen.

          Die letztgenannte Klarstellung hat Linkedin veröffentlicht, nachdem Facebook im Sommer 2014 in die Kritik geraten war, weil der Konzern bei etwa dreihundertfünfzigtausend Profilen eine Woche lang vermehrt verdrießliche oder vergnügliche Statusmeldungen in die Timelines gespielt hatte, um herauszufinden, ob die Nutzer durch diese Veränderung selbst vermehrt schlecht oder gut gelaunte Botschaften veröffentlichten. Die erstgenannte Klarstellung war unlängst nötig geworden, als bekannt geworden war, dass Linkedin seine Nutzer in einem Ausmaß studiert hatte, das Facebooks Forschung zumindest den Zahlen nach weit in den Schatten stellt: Fünf Jahre lang hatte Linkedin zwanzig Millionen Mitgliedern eine leicht abgeänderte Auswahl von Vernetzungsvorschlägen, an „Personen, die Sie vielleicht kennen“, eingespielt, um zu prüfen, welche Art Kontakte die berufliche Neuorientierung begünstigen – engere oder vielleicht eher lockere Kontakte.

          Die Nutzer sind nicht darüber informiert worden, Teil dieses Versuchs zu sein, er wurde nicht einmal allgemein angekündigt. Vor fünfzig Jahren hatte der amerikanische Soziologe Mark Granovetter für seine aufsehenerregende Studie „The Strength of Weak Ties“ weniger als dreihundert Menschen befragt und nachweisen können, dass die Arbeitsuchenden unter ihnen in besonderem Maße von eher losen Verbindungen, vom zufälligen Hörensagen durch Bekannte profitierten. Das ist – wenig überraschend – im Zeitalter der sozialen Netzwerke nicht anders. Zwei Milliarden neuer Verbindungen seien in den fünf Jahren ihres Experiments entstanden, betonen die Linkedin-Forscher jetzt, sechshunderttausend neue Jobs gefunden worden. Nicht nur die Frage, wie viele Jobs manchen der zwanzig Millionen Nutzer, die ohne ihre Zustimmung an diesem Experiment teilgenommen haben, entgangen sind, bleibt unbeantwortet.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

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