https://www.faz.net/-gqz-9wsp9

Begegnungen in Hanau : Link zur Tat

Ein Graffito des mutmaßlichen Täters von Hanau, bevor es am Donnerstag von der Polizei übermalt wurde. Bild: Wolfgang Eilmes

Sie konnten es sehen. Oder doch nicht? Was ein altes Graffito in einem Tunnel in Hanau über das verriet, was später geschah.

          5 Min.

          Er hat seinen Namen an die Wand geschrieben. In einen Durchgang, einen Tunnel, keine fünfzig Meter entfernt vom zweiten Tatort. Ein Graffito der Adresse seiner Homepage, die er aus seinem Namen gebildet hatte. Tippt man diese Adresse am Tag nach dem rassistischen Amoklauf von Hanau ins Internet ein, landet man auf einer Sperrseite: „Forbidden. You don’t have permission to access this resource“ plus die üblichen Kennziffern für Fehler: 403, 404. Hier aber steht die Adresse an der Wand, als führte sie noch irgendwohin, schwarz auf weißem Putz.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der kurze Durchgang verbindet den Kurt-Schumacher-Platz im Stadtteil Kesselstadt mit der Wohnsiedlung dahinter. Der Tunnel ist typisch für solche Hochhauskomplexe der alten Bundesrepublik. Läuft man in die eine Richtung aus ihm hinaus, gelangt man ans weitläufige Gelände des Kinderhorts Weststadt. Ans andere Ende schließen sich eine kleine Ladenzeile an, mit Kiosk, Gaststätte und dem „Weststadtbüro“ für Stadtteilpolitik, und ein Supermarkt, ein Parkplatz und das „Arena Bar & Café“, in dem Mittwoch Nacht fünf Menschen erschossen worden sind. Fünf der neun Hanauer Opfer mit Einwanderungsgeschichte, die in dieser Nacht sterben, bevor der mutmaßliche Täter seine Mutter und am Ende sich selbst tötet: und zwar zu Hause, kaum fünf Minuten zu Fuß von hier, einmal durch den Tunnel, ums Kinderhortgelände herum, vorbei an Bungalows und Flachbauten. Der letzte Tatort: ein Reihenhaus, wie sie hier, in der Weststadt, überall stehen.

          In den Stunden nach der Tat muss die Polizei das Graffito seines Namens abgeklebt haben. Jetzt aber, es ist exakt 14 Uhr am Tag darauf, ziehen zwei Mitarbeiter in Zivil die Folie wieder von der Wand. Eine Gruppe Menschen drängt sich um eine Limousine, die mit laufendem Motor am Ende des Tunnels zum Parkplatz hin steht. Männer sind es vor allem, ältere, jüngere, Jungs – Großväter, die in die Bundesrepublik eingewandert sind, ihre Söhne und Enkel. Die Unruhe, die ohnehin über dem Kurt-Schumacher-Platz liegt, wird hier, in der Enge des Raums, plötzlich noch spürbarer, die ganze Gruppe steht unter Spannung, während die Polizeimitarbeiter die Folie abziehen und die Schrift darunter sichtbar wird.

          Es beginnt die Suche nach Zeichen

          Dann tauchen die beiden einen Pinsel in einen Eimer dunkler Farbe und übermalen das Graffito. Am Ende bleibt ein schwarzer Balken an einer weißen Wand. Die Polizei möchte nicht, dass fotografiert wird, auch einer der umstehenden Männer will das nicht, vor allem keine Gesichter, ein anderer sagt: „Das stand da schon über ein Jahr an der Wand. Der ist hier auch ständig herumgelaufen.“

          In den Stunden und Tagen nach einem Anschlag wie dem vom Mittwoch beginnt die Suche nach Zeichen. Was hätte man erkennen können und müssen, um eine solche Tat rechtzeitig zu entdecken und zu verhindern? Es beginnt aber auch die Suche nach Zeichen, in denen sich das, was geschehen ist, symbolhaft verdichtet: weil eine solche Gewalttat so schwer zu fassen sei – wie die meisten beteuern, die sich jetzt öffentlich zu Wort melden. Und hier steht so ein Zeichen an der Wand. Buchstäblich. Die Adresse einer Homepage, auf welcher der mutmaßliche Täter über sich selbst Auskunft gegeben hat. In Laufweite des Tatorts. Ein Menetekel. Als hätte der Täter seine Tat wenn schon nicht angekündigt, so doch signiert.

          Das so zu sehen ist aber nur dramaturgisch, es trägt nicht zur Wahrheitsfindung bei, sondern vor allem zur Verkitschung. Auch wenn die grausame Provokation, diesen Namen jetzt so nah am Tatort zu sehen, der Schmerz und die Wut einem den Hals zuschnüren, als die Polizei die Folie von der Wand zieht und den Link übermalt.

          Man erkennt jetzt das Zeichen. Eben noch war es aber nur das Graffito eines Links, das langsam verwitterte. Denn was hätte man gefunden auf dieser Website vor gut einem Jahr, als dieses Graffito an dieser Wand erstmals aufgetaucht war, wie der Augenzeuge vom Kurt-Schumacher-Platz behauptet? Wenn also damals schon jemand die Adresse ins Netz eingegeben hätte, der oder die von der „Arena Bar & Café“ durch den Tunnel gelaufen wäre und sich gefragt hätte, wer das nur ist, der seinen Link da an der Wand hinterlassen hat?

          Weitere Themen

          „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“ Video-Seite öffnen

          Schriftsteller Waltern Kirn : „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“

          Walter Kirn wurde mit seinem Roman „Up in the Air“ (2001), der mit George Clooney verfilmt wurde, als Schriftsteller bekannt. Der Amerikaner kommentiert die amerikanische Gegenwart vor allem auf Twitter, zeitweilig auch als Kolumnist bei „Harper’s“. Zuletzt erschien sein Buch „Blut will reden“ im C. H. Beck Verlag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.