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Warnung vor dem Brexit : Liebesbriefe lohn’ sich nicht, mein Darling

  • -Aktualisiert am

Vor dem Brexit-Votum sammeln Künstler Unterschriften für einen „Liebesbrief an das britische Volk“. Kulturträger sprechen von Bewunderung und Zuneigung für Europa. Oder meinen sie nur sich selbst?

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          Es beginnt wie ein klassischer Nationalitätenwitz: „Drei europäische Bürger, ein Österreicher, ein Franzose und ein Grieche...“. Es ist aber keiner. Die Sache ist bierernst. Es steht viel auf dem Spiel. Bei den drei Europäern handelt es sich um den österreichischen Musiker und Moderator Robert Rotifer, den französischen Journalisten Philippe Auclair und den griechischen Autor Apostolos Doxiadis, nicht gerade geläufige Namen. Doch haben sie eine Fülle namhafter Figuren aus dem europäischen Kulturleben, darunter Musiker, Filmemacher, Sportler, Literaten und Akademiker, für einen „Liebesbrief an das britische Volk“ gewonnen, der demonstrieren soll, dass Britannien nicht nur durch Verträge an Europa gebunden sei, sondern auch durch „Bande der Bewunderung und Zuneigung“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dass dieser Aufruf mit den Unterschriften von Alfred Brendel und Arsène Wenger, von Elena Ferrante und André Heller, von Isabella Rossellini und Patrick Süskind, von Elfriede Jelinek, Volker Schlöndorff, Colm Tóibín, Edgar Reitz, Renzo Piano und zahlreichen anderen im „Times Literary Supplement“ (TLS) erschienen ist, dürfte auf das journalistische Temperament von Stig Abell zurückzuführen sein, der Chef vom Dienst der „Sun“ war, bevor er, zur Überraschung derer, die nicht wussten, dass der mit summa cum laude in Cambridge graduierte Anglist seit Jahren Literaturkritiken für den TLS, den „Spectator“ und den „Daily Telegraph“ schreibt, vor kurzem von dem Boulevardblatt in die Chefredaktion der ebenfalls zum Murdoch-Imperium gehörenden Literaturzeitschrift wechselte.

          Die jüngste Ausgabe der renommierten Publikation veröffentlicht neben dem „Liebesbrief“ auch Stimmen von führenden Akademikern und Schriftstellern zu Europa. Auf der Titelseite prangt eine Karikatur, die Britannia auf dem weißen Felsen von Dover zeigt. Die Personifikation der britischen Nation ist im Begriff, ein über den Ärmelkanal gespanntes, mit den Sternen der Europaflagge gekennzeichnetes Band zu zerschneiden. Daneben sitzt der aufs höchste alarmierte Löwe vom britischen Wappen, der das treuselig blickende Einhorn fragt: „Sie wird es doch nicht etwa tun?“

          Bewegungsfreiheit dank der Globalisierung, nicht der EU

          Diese Unsicherheit ist zwanzig Tage vor dem Stichtag größer denn je. Eine am Montag im „Guardian“ veröffentlichte Umfrage, die entgegen anderen Sondierungen den Brexit-Befürwortern mit 52 Prozent den Vorsprung gibt, hat nicht nur das Pfund fallen lassen, sondern auch die Debatte angeheizt, die das Land, die Regierung, politische Parteien wie auch Familien und Freunde entzweit.

          Auch die Intellektuellen, die im TLS zu Wort kommen, sind sich keineswegs einig, obgleich die Remain-Anhänger eine deutliche Mehrheit bilden. Während Felipe Fernández-Armesto die Brexit-Befürworter als „reflexhafte Nationalisten“ sieht, die das britische Gegenstück zu Trump-Anhängern darstellen, und Stefan Collini, Michael Hofmann, Herta Müller und Colm Tóibín vor dem drohenden kulturellen Provinzialismus und den politischen und wirtschaftlichen Nachteilen eines britischen EU-Austritts warnen, geben sich die Kolumnisten Simon Jenkins und D.J.Taylor gelassen. Jenkins meint: „Bleiben oder Gehen wird keinen Unterschied machen – Gott sei Dank.“

          Der Cambridge-Historiker Robert Tombs, der zu den Unterzeichnern des euroskeptischen Aufrufs „Historians for Britain“ zählt, geht einen Schritt weiter. Er argumentiert, dass die von den Befürwortern der EU-Mitgliedschaft genannten Vorzüge wie die Bewegungsfreiheit und die Internationalisierung britischer Hochschulen eher der Globalisierung zu verdanken seien als der EU. Tombs spekulierte sogar, dass ein Brexit die Beschaffung von Visen für Studenten und Akademiker von außerhalb der EU womöglich erleichtern werde.

          Sein Kollege David Abulafia, der Mittelmeerhistoriker und Organisator der sich für britische Souveränität einsetzenden Initiative „Historians for Britain“, begann einen vor wenigen Tagen in der „Financial Times“ veröffentlichten Beitrag mit der Beobachtung, dass die Europaflagge anders als auf dem Festland in London kaum zu sehen sei. Daraus schloss er: „Das britische Volk zeigt keine Begeisterung für Europa, und nicht bloß wegen der sehr langweiligen Flagge.“ Seine Behauptung, dass die Vorstellung der europäischen Einheit Verwirrung hervorrufe, mag ebenso zutreffen wie das Argument, dass die Vielfalt der Sprachen, ethnischen Gruppen, Religionen und Literaturen die Idee einer gemeinsamen Identität Lüge strafe.

          Das ändert aber nichts an der Beklemmung, die zahlreiche Figuren aus dem kulturellen Leben beim Gedanken an einen EU-Austritt empfinden. Tacita Dean, die sich vor einigen Wochen auch an dem Aufruf von fast dreihundert Figuren aus dem Kulturleben beteiligt hat, der vor der britischen Selbstmarginalisierung warnte, spricht sogar von „kaltem Grauen“. Sie ist eine von vierzehn Künstlern, darunter Antony Gormley, Michael Craig-Martin, Axel Scheffler und Eva Rothschild, die Plakate für die Kampagne „Britain Stronger in Europe“ entworfen hat. Auf einer zehn Meter breiten schwarzen Tafel ermahnt sie die Wähler in weißer Kreide, für die Zukunft und nicht für die Vergangenheit zu stimmen.

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