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Libanon : Der Weizen zwischen den Trümmern

  • -Aktualisiert am

Abriss oder Denkmal? Eines der schwerbeschädigten Getreidesilos am Hafen von Beirut, wo am 4. August 2020 die Explosion stattfand. Bild: AFP

Libanon, ein Jahr nach der Katastrophe im Hafen von Beirut. Welche Geschichte will man erzählen? Was soll man zeigen in Museen und auf Bühnen?

          7 Min.

          Was geschieht mit den Silos? Seit der Ex­plosion im Hafen von Beirut vor ei­nem Jahr scheiden sich an dieser Frage die Geister. Manche sehen in den Überresten der grauen Türme, die in den Sommerhimmel ragen, ein modernes Denkmal.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie träumen von einem Park, der um die früheren Getreidespeicher entstehen könnte, von einem Ort mit Blick auf das Mittelmeer, an dem die Libanesen ihrer Toten gedenken könnten.

          Andere jedoch, wie der Schweizer Ingenieur, der die Türme durch ein spezielles Lasermessgerät betrachtete, sehen Gefahr aufziehen. Das Fundament der Silos, die einen gewaltigen Teil der Druckwelle abfingen und den ganzen Westen der Stadt vor großer Zerstörung bewahrten, sei schwer beschädigt, ließ er kürzlich wissen. Einige Türme neigten sich zur Seite, zwei Millimeter am Tag, und würden bald einstürzen. Bevor das passiere, rät er, solle man sie abreißen.

          Durchwursteln wie immer

          Es ist unwahrscheinlich, dass das geschieht. Vermutlich werden weder Bulldozer anrücken noch wird es ein Denkmal geben; stattdessen wird man sich weiter durchwursteln, so wie es die Leute in Libanon gewohnt sind. Es gäbe viel Dringendes zu erledigen.

          Das Land bräuchte als Erstes eine neue Regierung. Die alte war bereits kurz nach der Explosion des Ammoniumnitrats, das jahrelang tonnenweise und ungesichert im Hafen herumgelegen hatte, zurückgetreten.

          Doch seither ist wenig zu hören, außer gegenseitigen Misstrauensbekundungen und Versicherungen von allen Seiten, das Land werde, wie die Titanic, untergehen, wenn man nicht bald mit der Arbeit beginne. Längst tritt das Wasser von allen Seiten ein. Vielen steht es schon bis zum Hals.

          Das Wasser steht bis zum Hals

          Der Alltag ist noch komplizierter geworden, seit der obligatorisch gewordene Blick in die Umrechnungs-App den täglichen Wertverlust der Währung anzeigt. Das libanesische Pfund fällt schneller, als Geschäfte ihre Preise anpassen können. Morgens um neun blickt nicht nur der Verkäufer im Starbucks fassungslos auf den Milchkaffee, den er über die Theke reicht, und ruft: Der kostet nur noch einen Dollar!

          Vor den Tankstellen Autoschlangen in der Sommerhitze, um an das knapp gewordene Benzin zu kommen, während nachts in mancher Waschanlage mit vollen Kanistern gutes Schwarzmarktgeld verdient wird. Apotheken gehen die Ohrentropfen aus. Es kursieren Videos aus Supermärkten, in denen sich Menschen um die wenigen noch subventionierten Lebensmittel prügeln. Wer kein Milchpulver mehr ergattern kann, hilft sich mit Zuckerwasser. Das soll Babys beruhigen.

          Der Niedergang ist schwindelerregend und schwer zu begreifen. So eine Krise hätten sie noch nie erlebt, sagen die Libanesen, schließlich sei Geld immer da gewesen, selbst während des Bürgerkrieges. Doch der Wohlstand schmilzt schnell. Ärzte, Lehrer und Künstler verlassen das Land.

          Wer hat Dollars, wer nur Lira?

          Die Bevölkerung teilt sich in jene, die noch in Dollar bezahlt werden oder frisches Geld aus dem Ausland bekommen, und andere, die sich mit der libanesischen Währung begnügen müssen. Lange Jahre waren Dollar und Lira im Alltag beliebig austauschbar, weil die Zentralbank den festgelegten Wechselkurs mit allen Mitteln verteidigte, auch mit unlauteren.

          Das verschaffte Libanon einen Wohlstand, der in keinem Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft stand, aber jeden Bereich der Gesellschaft durchdrang, auch die Kultur.

          Der Sommer war immer die Zeit der Festivals. In Baalbek, Byblos und Beiteddine traten Jessye Norman, Patti Smith und Anna Netrebko auf. Im Frühjahr wurden in Beirut mehr Filmfestivals organisiert, als man besuchen konnte.

          Und im Herbst lockten Kunst- und Buchmessen, die oft mit Geld aus Kulturförderprogrammen jener Banken unterstützt wurden, die ihrerseits in Not geraten sind, seit das Schneeballsystem, mit dem sich die Zentralbank Devisen verschafft hatte, vor zwei Jahren zusammenbrach. Und nun?

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