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Die Kulturelite und der Brexit : Wir haben es versäumt, unsere Stimme zu erheben

  • -Aktualisiert am

Prophetisch: „Die Zukunft verhält sich immer anders“ hieß die Installation des Briten Liam Gillick im Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig im Jahr 2009. Bild: Picture-Alliance

Vor der Abstimmung hat die britische Kulturelite es versäumt, sich mit den konkreten Problemen Europas auseinanderzusetzen und mögliche Lösungen vorzuschlagen. Und jetzt? Ein Gastbeitrag.

          Vergangene Woche kehrte ich aus New York zurück, um in London meine Stimme für einen Verbleib Großbritanniens in der EU abzugeben. Als ich mittags vor dem Wahllokal eintraf, das – typisch England – in einer schäbigen Kirche eingerichtet war, wurde ich von einer reizenden alten Dame und einem nerdigen jungen Mann begrüßt, der mir den Stimmzettel aushändigte. In der Kirche fand gleichzeitig ein Bücherflohmarkt statt, und es gab selbstgebackenen Kuchen. Scherzhaft bemerkte ich, dass das wahrscheinlich gegen EU-Bestimmungen verstoße, da der Geruch von abgegriffenen Frederick-Forsyth-Taschenbüchern und selbstgebackenem Obstkuchen die Leute animieren könnte, für einen Brexit zu stimmen. Die Wahlhelfer starrten mich nur an.

          Für mich war das Ausfüllen des Wahlzettels ein sehr bewegender Moment, denn ich leistete damit meinen Beitrag zum Fortbestand des europäischen Einheitsgedankens und des Friedens in Europa. Ich tat meine starken Empfindungen als einfältige Gefühlsduselei ab und kehrte zu meiner Wohnung zurück, in der Gewissheit, dass Großbritannien aus vernünftigen und historischen Gründen für einen Verbleib in der EU stimmen werde. Nun zeigt sich, dass ich mich genauso geirrt habe wie alle anderen in der „elitären“ britischen Kunstszene. Viele einfache Leute hierzulande lehnen die Europäische Union ab. Ihr Misstrauen beruht auf einem falschen Bild von der Rolle Deutschlands in Europa und kompletter Unkenntnis seiner heutigen Kultur.

          „Warum sind Sie der Beste?“

          2007 wurde ich eingeladen, Deutschland auf der 53. Biennale von Venedig 2009 zu repräsentieren. Die nächsten beiden Jahre arbeitete ich eng mit dem Kurator Nicolaus Schafhausen zusammen, um zu überlegen, wie sich das neue Europa, in dem wir beide aufgewachsen sind, am besten zum Ausdruck bringen ließe. Wir beide waren Mitte zwanzig, als die Berliner Mauer fiel, und hatten uns später in dem neuen Europa, einer erweiterten Union ohne Grenzen, ungehindert bewegen können. Schafhausen fand es völlig normal, dass jemand aus einem anderen europäischen Land Deutschland repräsentieren würde. Wiederholt machte ich Journalisten und Kritikern klar, dass ich genauso behandelt werden wollte wie ein deutscher Künstler. Ich erwartete Kritik, die auch kam, besonders von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Eines meiner ersten Interviews über Venedig fand 2008 in München statt, mit einem Journalisten einer dort erscheinenden Zeitung. Er begann mit einer für mich vollkommen überraschenden Frage. „Warum sind Sie der Beste?“, fragte er lächelnd. Das Deutschland, in dem ich in den vorangegangenen fünfzehn Jahren ausgestellt hatte, war ein Land, in dem doch eigentlich Hierarchien und törichte Qualitätsbegriffe abgelehnt wurden. Kultur hieß dort, die bestehenden Verhältnisse zu kritisieren, sich gegen ein oberflächliches Kunstverständnis und einen flachen Kunstbegriff zu wehren. Doch in diesen zwei Jahren wurden mir oft solche Fragen gestellt. Ein typisches Beispiel: „Wenn Sie den Goldenen Löwen für Deutschland gewinnen, wie werden Sie sich dann fühlen?“ Wie bitte? Kunst ist doch kein Wettbewerb. Kunst ist ein Prozess, in dem alle gängigen Wertvorstellungen angezweifelt werden sollten, auch die Frage, was einen „deutschen Künstler“ ausmacht.

          Wie Komplizen einer desinteressierten, abgehobenen Elite

          Die deutsche Kultur, die ich erlebte, war rebellisch, zuweilen melancholisch, aber durchweg skeptisch. In Deutschland ging es immer darum, neue Kunst- und Lebensformen zu entwickeln. Kunst hieß: Unruhe stiften, existierende Strukturen verändern. Als offizieller Repräsentant Deutschlands begegnete ich nun einer anderen Ebene deutscher Kultur – die meine deutschen Kollegen und Freunde offensichtlich kannten und seit Jahren bekämpften. Ich zuckte nur freundlich mit den Schultern, während sie sich in ihrer Arbeit von Anfang an gegen nationalistische Gedanken gewehrt hatten. Dieses Grundprinzip künstlerischer Existenz bringt jede kritische Kultur überhaupt erst voran. Meine deutschen Freunde gehen davon aus, dass ihre Arbeit auf erheblichen Widerstand stößt, während meine britischen Kollegen gleichermaßen Wohlwollen und Gleichgültigkeit voraussetzen.

          Der britische Botschafter in Italien, der 2009 im deutschen Pavillon auftauchte, um meine Ausstellung zu besichtigen, schien meine Anwesenheit irgendwie komisch und verwirrend zu finden. Es brauchte eine Handvoll Kuratoren und Assistenten, um ihm klarzumachen, wie normal es ist, dass ein britischer Künstler im deutschen Pavillon ausstellt. Er sagte, noch immer irritiert: „Meine Güte, vielleicht sollten wir irgendwann mal einen deutschen Künstler im britischen Pavillon zeigen, was für eine Vorstellung!“

          Nachdem prominente Persönlichkeiten des britischen Kulturlebens sich nicht vehementer für einen Verbleib in der EU eingesetzt haben, stehen wir im Grunde wie Komplizen einer desinteressierten, abgehobenen Elite da, die so vorsichtig, distanziert und oft auch unbesonnen in ihren Äußerungen war. Vor dem 23. Juni waren keine vernünftigen Argumente zu hören, die über allgemeine Solidaritätsbekundungen für Flüchtlinge, den Glauben an Europa als pseudoutopisches Projekt und die Ablehnung von Ausländerfeindlichkeit hinausgegangen wären.

          Erst jetzt äußern Künstler ihr großes Entsetzen

          Wolfgang Tillmans war klar, was passierte, und mit aller Macht stemmte er sich heroisch gegen das drohende Desaster. Soziale Medien wurden eifrig genutzt. Kaum ein Tweet oder Instagram-Post ohne den Zusatz „We ? EU“, „Was verloren ist, ist verloren“ oder „Wir sind eine europäische Familie“. Es waren gutgemeinte, aber angesichts des eingefleischten Misstrauens gegenüber der Brüsseler Bürokratie und der Londoner Elite doch kraftlose Parolen, wie man im Nachhinein sagen muss.

          Kurz vor dem Referendum ließen die namhaftesten britischen Künstler ihre besten Einfälle vom Stapel. Am Vortag schwärmte Artnet.com: „Damien Hirst setzt seine Schmetterlinge gegen den Brexit in Marsch.“ Die von prominenten Repräsentanten des kulturellen Lebens unterzeichnete Petition war zwar etwas stärker formuliert, aber es ging eher um ökonomische als philosophische Dinge. Da hieß es etwa: „Von der kleinsten Galerie bis zum größten Blockbuster – viele von uns haben an Projekten gearbeitet, die ohne EU-Gelder oder ohne grenzüberschreitende Kooperation nie möglich gewesen wären.“ Solche Statements gingen am 23. Juni natürlich völlig ins Leere. EU-Gelder für Kunstprojekte – das war genau das Argument, das die einfachen Leute umso mehr in das Lager der Brexit-Befürworter trieb.

          Erst jetzt, da die Entscheidung gefallen ist und Britannien Europa den Rücken kehren wird, äußern Künstler ihr großes Entsetzen. Anish Kapoor ist „todunglücklich“ und empfindet „Scham über die Fremdenfeindlichkeit in unserem Land“. Ryan Gander erklärte gegenüber Artnet.com, er schäme sich, Brite zu sein. Solche Leidenschaft war vor dem Referendum nicht zu vernehmen. Die ermunternden Appelle derjenigen, die in der EU und darüber hinaus leben und arbeiten, hätten deutlicher und dialektischer sein müssen.

          Die Mainstreamkultur gab die falschen Antworten

          So begann also meine Beziehung zu Deutschland, und so wird es weitergehen. Wie ein Verrückter habe ich in den letzten Monaten über das Thema Brexit diskutiert, über alle möglichen Aspekte. Noch am Vorabend des Referendums sprach ich mit Tobias Rehberger, spottete leise über seine Zustimmung zu den gegenwärtigen Verhältnissen in Europa. Ich versuchte es mit den europakritischen Argumenten der alten britischen Linken, um irgendwelche brauchbare Lösungen zu finden.

          Die Position ist hierzulande bekannt, Paul Mason hat sie, um Widerspruch herauszufordern, am 16. Mai im „Guardian“ noch einmal präzise dargelegt: „Die Linke ist aus strategischen Überlegungen ganz klar für einen Brexit. Die EU ist keine Demokratie und wird es nie sein. Sie bietet das vorteilhafteste Ökosystem der entwickelten Welt für Monopolunternehmen, Steuerflüchtlinge und das organisierte Verbrechen. Ihre Exekutive ist so mächtig, dass sie die linke griechische Regierung zu Fall bringen könnte.“

          Immer wieder versuchte ich, mit aufgeschlossenen Kollegen darüber zu diskutieren. Vor dem 23. Juni habe ich nie ein vernünftiges Gegenargument gehört. Nie kam ein richtiger Dialog zustande, meist wurde sofort abgewinkt. „Besser gemeinsam“, „Mir gefällt es in der Toskana“ oder „In Berlin gibt es noch billige Wohnungen“ – mehr hatten sie nicht zu bieten. Die britische Kulturelite hat es versäumt, sich mit den konkreten Problemen Europas auseinanderzusetzen und mögliche Lösungen vorzuschlagen.

          An dieses schändliche Versagen werden wir uns künftig an jedem 23. Juni erinnern. Die Mainstreamkultur gab die falschen Antworten auf Fragen, die zu stellen sie nicht gewillt war. Nun müssen wir uns mit den Folgen auseinandersetzen, die das Referendum für das europäische Kulturleben haben wird. Wir haben es versäumt, engagiert unsere Stimme zu erheben. Wir haben eine demütigende Niederlage erlebt. Aber wir können daraus lernen.

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