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Die Kulturelite und der Brexit : Wir haben es versäumt, unsere Stimme zu erheben

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Nachdem prominente Persönlichkeiten des britischen Kulturlebens sich nicht vehementer für einen Verbleib in der EU eingesetzt haben, stehen wir im Grunde wie Komplizen einer desinteressierten, abgehobenen Elite da, die so vorsichtig, distanziert und oft auch unbesonnen in ihren Äußerungen war. Vor dem 23. Juni waren keine vernünftigen Argumente zu hören, die über allgemeine Solidaritätsbekundungen für Flüchtlinge, den Glauben an Europa als pseudoutopisches Projekt und die Ablehnung von Ausländerfeindlichkeit hinausgegangen wären.

Erst jetzt äußern Künstler ihr großes Entsetzen

Wolfgang Tillmans war klar, was passierte, und mit aller Macht stemmte er sich heroisch gegen das drohende Desaster. Soziale Medien wurden eifrig genutzt. Kaum ein Tweet oder Instagram-Post ohne den Zusatz „We ? EU“, „Was verloren ist, ist verloren“ oder „Wir sind eine europäische Familie“. Es waren gutgemeinte, aber angesichts des eingefleischten Misstrauens gegenüber der Brüsseler Bürokratie und der Londoner Elite doch kraftlose Parolen, wie man im Nachhinein sagen muss.

Kurz vor dem Referendum ließen die namhaftesten britischen Künstler ihre besten Einfälle vom Stapel. Am Vortag schwärmte Artnet.com: „Damien Hirst setzt seine Schmetterlinge gegen den Brexit in Marsch.“ Die von prominenten Repräsentanten des kulturellen Lebens unterzeichnete Petition war zwar etwas stärker formuliert, aber es ging eher um ökonomische als philosophische Dinge. Da hieß es etwa: „Von der kleinsten Galerie bis zum größten Blockbuster – viele von uns haben an Projekten gearbeitet, die ohne EU-Gelder oder ohne grenzüberschreitende Kooperation nie möglich gewesen wären.“ Solche Statements gingen am 23. Juni natürlich völlig ins Leere. EU-Gelder für Kunstprojekte – das war genau das Argument, das die einfachen Leute umso mehr in das Lager der Brexit-Befürworter trieb.

Erst jetzt, da die Entscheidung gefallen ist und Britannien Europa den Rücken kehren wird, äußern Künstler ihr großes Entsetzen. Anish Kapoor ist „todunglücklich“ und empfindet „Scham über die Fremdenfeindlichkeit in unserem Land“. Ryan Gander erklärte gegenüber Artnet.com, er schäme sich, Brite zu sein. Solche Leidenschaft war vor dem Referendum nicht zu vernehmen. Die ermunternden Appelle derjenigen, die in der EU und darüber hinaus leben und arbeiten, hätten deutlicher und dialektischer sein müssen.

Die Mainstreamkultur gab die falschen Antworten

So begann also meine Beziehung zu Deutschland, und so wird es weitergehen. Wie ein Verrückter habe ich in den letzten Monaten über das Thema Brexit diskutiert, über alle möglichen Aspekte. Noch am Vorabend des Referendums sprach ich mit Tobias Rehberger, spottete leise über seine Zustimmung zu den gegenwärtigen Verhältnissen in Europa. Ich versuchte es mit den europakritischen Argumenten der alten britischen Linken, um irgendwelche brauchbare Lösungen zu finden.

Die Position ist hierzulande bekannt, Paul Mason hat sie, um Widerspruch herauszufordern, am 16. Mai im „Guardian“ noch einmal präzise dargelegt: „Die Linke ist aus strategischen Überlegungen ganz klar für einen Brexit. Die EU ist keine Demokratie und wird es nie sein. Sie bietet das vorteilhafteste Ökosystem der entwickelten Welt für Monopolunternehmen, Steuerflüchtlinge und das organisierte Verbrechen. Ihre Exekutive ist so mächtig, dass sie die linke griechische Regierung zu Fall bringen könnte.“

Immer wieder versuchte ich, mit aufgeschlossenen Kollegen darüber zu diskutieren. Vor dem 23. Juni habe ich nie ein vernünftiges Gegenargument gehört. Nie kam ein richtiger Dialog zustande, meist wurde sofort abgewinkt. „Besser gemeinsam“, „Mir gefällt es in der Toskana“ oder „In Berlin gibt es noch billige Wohnungen“ – mehr hatten sie nicht zu bieten. Die britische Kulturelite hat es versäumt, sich mit den konkreten Problemen Europas auseinanderzusetzen und mögliche Lösungen vorzuschlagen.

An dieses schändliche Versagen werden wir uns künftig an jedem 23. Juni erinnern. Die Mainstreamkultur gab die falschen Antworten auf Fragen, die zu stellen sie nicht gewillt war. Nun müssen wir uns mit den Folgen auseinandersetzen, die das Referendum für das europäische Kulturleben haben wird. Wir haben es versäumt, engagiert unsere Stimme zu erheben. Wir haben eine demütigende Niederlage erlebt. Aber wir können daraus lernen.

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